Programm

1. Akademie zum Thema „Beteiligung“

 

Informationen zur 1. TRAFO-Akademie:

Akademie-Programm
Vortrag Petra Zwaka: Partizipation, Ko-Kreation, Kooperation?
Tina Veihelmann: Themenfeld "Beteiligung" im Rahmen der TRAFO-Projekte
Referent/innen
Beteiligungsformate
Veranstaltungsorte


Kooperation und Partizipation

Die Begriffe Kooperation und Partizipation sind strapazierte Begriffe im Kulturbereich. Sie werden sowohl von der Politik gefordert als auch von den Akteuren reklamiert. Aber warum sollten Kultureinrichtungen wie Museen, Theater, Bibliotheken oder Volkshochschulen eigentlich mit anderen Akteuren kooperieren oder sogar Bürgerinnen, Laien oder andere Kulturakteure an der Gestaltung ihrer Kulturangebote beteiligen? Sind Kooperationen und Partizipationsprozesse tatsächlich ein Mehrwert für eine Institution oder einfach nur mehr Arbeit, weil mehr Kommunikation, mehr Abstimmung, mehr Ansprüche an Mitsprache? Bei der ersten TRAFO-Akademie, die vom 18.- 20. Januar 2017 in Clausthal-Zellerfeld stattfand, trafen sich 40 Vertreterinnen der an TRAFO beteiligten Museen, Theater, Bibliotheken und Kulturzentren, aus den Verwaltungen, der Kulturstiftung des Bundes sowie Künstler, um gemeinsam die Chancen und Grenzen von Beteiligungsprozessen auszuloten.

Keynote zum Thema Beteiligung von Petra Zwaka

Die Kulturamtsleiterin Petra Zwaka aus Berlin, die selber verschiedene Museen leitet, übernahm eine Keynote, in der sie anhand des Jugendmuseums Berlin-Schöneberg darlegte, welche Interessen ein Museum verfolgen kann, wenn es die Geschichten, Themen und Erfahrungen der Bewohnerinnen des Stadtteils aufnimmt und museal verarbeitet. Damit solche Beteiligungsprozesse mit der Bevölkerung gelingen, sei es notwendig, so Zwaka, dass sich die Institutionen zum einen sehr klar darüber sein müssten, welchen Mehrwert ein Projekt, die Institution und die Beteiligten durch die Partizipation haben, und zudem Themen identifizieren sollten, die für die Bevölkerung von Bedeutung sind. Zudem müsse im Vorfeld geklärt werden, worum es konkret geht: um Partizipation, Ko-Kreation oder Kooperation? Wer beteiligt wen und wozu? Wie kann die Beteiligung praktisch aussehen? Und wieviel und vor allem was kann Laien anvertraut werden?

Thematische Impulse für die TRAFO-Projekte

Welche Erfahrungen die an TRAFO beteiligten Kultureinrichtungen mit der Beteiligung und Kooperationen mit den Menschen vor Ort gemacht haben, das diskutierten sie mit verschiedenen Experten und Künstlerinnen. Immer wieder stellte man beispielsweise fest, dass sich Institutionen davor scheuen, externe Perspektiven in ihre Ausstellungen und Veranstaltungen einzubeziehen und Kommentare aus anderen Blickwinkeln oder Befragungen ihrer jeweiligen Formate zuzulassen. Kevin Breß, wissenschaftlicher Assistent der Direktorin des Grassi Museums für Völkerkunde in Leipzig berichtete davon, was passiert, wenn eine Institution „fremde“ Perspektiven und Disziplinen ins Haus holt. Darf man zulassen, dass dabei methodische und wissenschaftliche Kompetenzen der ausgebildeten Mitarbeiter in Frage gestellt werden? Welche Ergebnisse kann man in solchen Projekten erwarten? Und wie reagiert das Publikum?

Adam Page, freier Künstler, diskutierte das Thema „Zweckentfremdung“ im Kontext von Beteiligungsprojekten. Ausgehend von der politischen Forderung, dass Beteiligung in der Kunst oftmals mit einem gesellschaftlichen Auftrag wie Identitätsstiftung, Ansprache neuer Zuschauerinnen oder der Behandlung lebensweltlicher Themen verknüpft ist, stellt sich die Frage, ob mit diesen Vorgaben die Kunst zweckentfremdet wird und welche Rolle dann Künstler spielen, wenn sie eher als Vermittler und weniger als Künstler fungieren.

Tore Dobberstein vom Complizen Planungsbüro befragte die Einbeziehung „Lokaler Identitäten“ und wie es gelingen könne, Bürgerinnen mit ihren Expertisen für lokale Themen in die Entwicklung und Umgestaltung von (Dauer-) Ausstellungen einzubinden. Was lässt sich damit erreichen? Gibt es Grenzen der Beteiligung? Und wie geht man etwa mit Wünschen und Erwartungen um, die den eigenen (Qualitäts-) Vorstellungen widersprechen?

Um den Alltagsbezug im Theater ging es auch bei der Diskussion mit Miriam Tscholl, Leiterin der Bürgerbühne am Schauspielhaus Dresden. Da sich oftmals Menschen in den bestehenden kulturellen Angeboten nicht wiederfinden oder dort keine Anknüpfungspunkte an ihre Alltagswelt sehen, stellen sich immer mehr Kultureinrichtungen die Frage, wie sie die Menschen erreichen, die sich von kulturellen Angeboten nicht angesprochen fühlen. Wie kann man diese Menschen beispielsweise an der Theaterarbeit beteiligen, welche Rolle sollen und können Bürger übernehmen und zu welchem Zweck? Sind sie vor allem Expertinnen ihres Alltags oder können sie zu Kuratoren, Schauspielerinnen und Dramaturgen werden? Und wie muss man sie darauf vorbereiten?

Das Thema „Beteiligung“ in den TRAFO-Projekten

Ausgehend von den Impulsen der Referenten berichteten die TRAFO-Projektakteure aus ihrer Beteiligungspraxis. Das Theater Lindenhof in Melchingen hat beispielsweise im Rahmen von TRAFO Formate entwickelt, die Menschen und ihre Geschichten in ihre Theaterarbeit einbeziehen. Darunter ist ein Postkasten, über den die Albler dem Theater ihre Fragen an das Leben schicken können, die dann womöglich auf der Bühne behandelt werden; Sie laden sich mit kleineren Theaterstücken in ganz normale Wohnzimmer ein oder organisieren Erzählcafés, in denen die Menschen der Schwäbischen Alb zusammenkommen und sich von ihren Erfahrungen im Alltag und Beruf berichten.

Die Museen im Projekt „Harz|Museen|Welterbe“ wiederum denken darüber nach, ihre Transformationsprozesse gemeinsam mit Künstlerinnen umzusetzen, um so neue Perspektiven und Herangehensweisen in ihre museale Arbeit einzubinden oder Räume neu und anders bespielen zu lassen. Das allerdings setzt auch eine Freiheit des Künstlers voraus, der seinen ganz eigenen Zugang zu den Orten oder Sammlungen finden muss, um damit künstlerisch zu arbeiten.

Auch das Projekt „Kultur+ im Saarpfalz-Kreis“ möchte die Perspektive von Künstlerinnen in seine Arbeit einbeziehen. Das Projektteam plant daher mehrwöchige Künstlerresidenzen. Die Künstler sollen gemeinsam mit den Menschen der Region zu verschiedenen Themen arbeiten und dabei die Transformationsprozesse aus ihrer Perspektive heraus reflektieren.

Die Stadt Seesen, Träger des Projektes „Jacobson-Haus“, lädt die Seesenerinnen in einer Reihe öffentlicher Workshops ein, ihre Ideen, Bedarfe und Interessen für die Zukunft des Jacobson-Hauses einzubringen. Ihr Ziel ist es, ein multifunktionales Kulturzentrum für alle zu etablieren: wo der Blasmusikverein genauso einen Platz findet wie das Kulturbüro, die Stadtbibliothek oder der Jugendfreizeitclub.

Fazit

Nach drei Tagen Akademie-Austausch und Diskussion wurde deutlich, dass es jedem Veränderungsprozess von Einrichtungen gut tut, frühzeitig künstlerische Positionen und Perspektiven in die eigene Arbeit einzubinden – sei es als Teil der festen Projektteams oder als Begleitung von Transformationsvorhaben. Ein Akademie-Teilnehmer brachte es folgendermaßen auf den Punkt: „Wir sollten die Kunst bei uns in den Regionen nicht zu klein denken. Wir sollten sie groß denken und zeigen, welche künstlerischen Impulse vom ländlichen Raum ausgehen können.“