Programm

Unkonventionelle Ideen für den ländlichen Raum

Interview mit Hortensia Völckers, Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes

„Mit unkonventionellen Ideen und einem frischen Blick das kulturelle Angebot verbessern“, so beschreibt Hortensia Völckers, Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes, das Vorgehen der Modellregionen im Rahmen von TRAFO. Im Interview berichtet sie von der veränderten Rolle von Kultureinrichtungen in ländlichen Räumen und den Beweggründen das Programm „TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel“ zu initiieren.

Die Kulturstiftung des Bundes hat in den vergangenen Jahren insbesondere die Weiterentwicklung von Kultureinrichtungen in Metropolen gefördert. Warum jetzt die Kultureinrichtungen im ländlichen Raum?

Hortensia Völckers: Wir werden das eine tun, ohne das andere zu lassen. Die Mehrheit der Bevölkerung lebt aber hierzulande immer noch in kleineren Städten und trotzdem wird da immer weniger in das kulturelle Angebot investiert. Das übersieht man leicht. Dazu kommt, dass die Kultur in den Großstädten ohnehin viel mehr überregionale Aufmerksamkeit bekommt. Wichtig ist, dass der Zugang zu Kultur und Bildung nicht ungleich verteilt wird. So steckt zum Beispiel hinter dem Länderfinanzausgleich die Idee, dass die Lebensqualität überall einigermaßen gleich sein soll, kein Land abgehängt wird. Das sollte in der Kultur nicht anders sein. Es darf grundsätzlich kein Gefälle zwischen Stadt und Land bzw. zwischen Metropolen und kleineren Orten geben. So gesehen vertreten wir eine Art Kulturföderalismus. Die kleineren Städte und erst der ländliche Raum sind tatsächlich durch den demographischen Wandel stark betroffen und benachteiligt. Fast überall muss man sich die Frage stellen, was man sich überhaupt noch an kultureller Infrastruktur leisten kann.

Welche Ziele verbindet die Kulturstiftung des Bundes mit dem Programm „TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel“?

Hortensia Völckers: Ein ziemlich hohes Ziel, denke ich manchmal. Das fing schon damit an, dass wir uns bundesweit auf die Suche nach potenziellen „Modellregionen“ gemacht haben. Sie sollten geeignet sein, exemplarisch zu zeigen, wie man mit unkonventionellen Ideen und einem frischen Blick die Situation vor Ort, das kulturelle Angebot, verbessern und an die aktuellen Bedürfnisse der Bevölkerung anpassen kann. Das geht nicht ohne starke Partner aus der Politik und ohne kooperationswillige Kulturträger, die mehr als nur für das oft mehr schlechte als rechte Überleben ihrer eigenen Institution, ihres Vereins usw. kämpfen. Ob dann am Ende „Modelle“ dabei herauskommen, an denen sich andere Regionen orientieren können, bleibt sehr zu hoffen, aber wir sind noch nicht so weit mit dem Programm, dass wir das mit Bestimmtheit sagen können. Mein Ziel wäre erst einmal, dass wir Dinge in Gang bringen, dass sich die gesellschaftlichen Akteure aufeinander zu bewegen und gemeinsam Lösungen finden, von denen am besten alle, aber jedenfalls mehr Menschen und Kultureinrichtungen als bisher profitieren. Immerhin, die Prozesse in den vier Regionen stimmen mich optimistisch, dass wir einen Stein ins Rollen gebracht haben.

Welche kulturpolitische Situation haben Sie konkret in den von Ihnen aufgesuchten strukturschwachen und ländlichen Regionen vorgefunden?

Hortensia Völckers: Das ist natürlich von Region zu Region ganz unterschiedlich. Trotzdem würde ich sagen, dass überall ein Mangel an öffentlichen Räumen festzustellen ist, Orte der Begegnung für eine immer heterogener werdende Bevölkerung. Die Zeiten sind ja vorbei, wo Menschen gerade auf dem Land und in kleineren Ortschaften ihr ganzes Leben dort verbrachten und auch noch die nächsten Generationen dort blieben, Familie, Verwandtschaft und die immer gleichen Nachbarn das vertraute soziale und gesellschaftliche Umfeld bildeten. Das heißt, immer mehr „Fremde“ müssen auch in kleineren Gemeinden miteinander zurechtkommen. Wo treffen die sich, wo machen die gemeinsame Erfahrungen und teilen gemeinsame Erlebnisse? Manchmal ist das traurigerweise dann nur noch die Bushalte- oder die Tankstelle, an der sich junge Leute treffen, weil ansonsten nichts vorhanden oder offen ist.
Deshalb ist es so wichtig, dass wir z.B. die kleine Stadtbibliothek oder die Musikschule oder das Dorfmuseum mit neuem Leben füllen. Und auch, dass diese sich neuen Aufgaben stellen. Eine weitere Beobachtung auf meinen vielen Reisen war, dass die Strukturen in den Verwaltungen vielerorts wenig Spielraum für Kooperationen lassen. „Zuständigkeiten“ sollen zwar einerseits eine gewisse Effizienz gewährleisten, andererseits behindern sie aber oftmals die notwendige Flexibilität, das Verlassen eingefahrener Gleise. Wenn wir mit unserer Förderung Anstöße und Anreize zu Veränderungen geben könnten, ist schon viel erreicht.

Welche Rolle können bzw. sollten aus Ihrer Sicht Kultureinrichtungen insbesondere in ländlichen und strukturschwachen Regionen verstärkt einnehmen?

Hortensia Völckers: Ich habe das eben schon angesprochen. Die Kultureinrichtungen spielen eine wichtige Rolle, wenn es um den Zusammenhalt in der Gesellschaft geht. Das ist in Großstädten so, und das ist in den Regionen nicht anders. Nur dass hier traditionell weniger Häuser sind – und deren Unterhalt auch als freiwillige Leistung noch durch Sparzwänge von finanzieller Austrocknung unverhältnismäßig stark bedroht sind –, die so ausgestattet sind, dass sie adäquat auf die veränderten gesellschaftlichen Bedürfnisse reagieren oder sie sogar gestalten können. Am Beispiel der Bibliothek lässt sich das vielleicht am einfachsten verdeutlichen: Reicht es, wenn hier nur mehr die klassische Buchausleihe angeboten wird? Sollen es nur Bücher in deutscher Sprache sein, wenn der Bevölkerungsanteil an nichtdeutschen Muttersprachlern immer größer wird? Was ist mit den Jungen, deren Zugang zu Bildung immer stärker digital abläuft? Könnte die Bibliothek ein Ort sein, der eine interessante und sinnvolle Alternative zu privat zu organisierenden Begegnungen ist? Es geht um eine andere, eine einladendere Atmosphäre, in den kleineren Ortschaften selbst, aber natürlich auch in den Kultureinrichtungen. Es geht nicht zuletzt um offenere, offensivere Bildungsmöglichkeiten in den Regionen. Daran müssen wir im Interesse der Gesamtbevölkerung arbeiten.

Was soll sich nach dem Ende des TRAFO-Programms verändert haben?

Hortensia Völckers: Ich glaube, es wäre ganz verkehrt, wenn ich jetzt einen Katalog von verbindlichen „Ergebnissen“ aufmachen würde. Es gibt kein Schema F, nach dem sich alle Modellregionen richten müssen. Ich halte es geradezu für einen besonderen Vorteil, dass wir unsere Förderung über mehrere Jahre so gestalten, dass jede Region ihre spezifischen Möglichkeiten auslotet. Am Ende wäre es toll, wenn nach und nach die weißen Flecken auf der kulturellen Landkarte verschwänden oder sie erst gar nicht entstünden. Wenn in den Modellregionen erfolgreich gearbeitet wird, ist das eine Ermutigung für alle, die das Gefühl haben, der Niedergang der ländlichen Regionen und der kleineren Städte sei unaufhaltsam. Man darf die Hände nicht in den Schoß legen. Vielleicht erweist sich die topographische Übersichtlichkeit an Einrichtungen und Akteuren am Ende dann noch als großer Vorteil, wenn diese sich im Sinne ihrer Adressaten zusammentun, sich auf gemeinsame Ideen verständigen können und sich entscheiden, gemeinsam bürokratische Hemmnisse zu überwinden. Vielleicht lässt sich in überschaubaren Zusammenhängen Demokratie erfolgreicher einüben. Ob das nun ein ganz großes Ziel oder ein ganz basales ist, ist eine Frage der Perspektive.

Vielen Dank für das Gespräch!