Programm

„Mir brauched koi Kunscht!“

Von Stefan Hallmayer

Der Zufall ist die Form, in der sich das Notwendige durchsetzt.
Friedrich Hegel

„Mir brauched koi Kunscht, mir brauched Krombiera (Kartoffeln)!“
Einer der Sprüche, die das ambivalente Verhältnis des Schwaben zur Kunst zum Ausdruck bringen. Ist Kunst Luxus? Überflüssig und bedeutungslos, solange wir nichts zu essen haben? So muss es wohl gemeint sein. Kunst- und Kulturförderung sind sogenannte freiwillige Leistungen. Sie kommen erst dann ins Spiel, wenn es uns wirtschaftlich gut geht, wenn wir sie uns leisten können. Ein großer Irrtum. Kunst braucht man immer! Erst recht in der Krise. Vor 40.000 Jahren war man sich da schon sicherer. Zumindest auf der Schwäbischen Alb. Am 9. Juli 2017 wurden die eiszeitlichen Höhlen der Schwäbischen Alb im Lone- und Aachtal zum Weltkulturerbe ernannt. Die Tierfiguren und Schmuckstücke, die dort gefunden wurden, zeigen eine unerwartete Schöpferkraft und sind die ältesten Belege für figürliche Kunst, Musik und Glaubensvorstellungen. Der Löwenmensch zum Beispiel belegt, dass sich Menschen schon damals Dinge vorstellen konnten, die es nicht gibt. Hat hier der Mensch die Kunst erfunden?

Die Funde in den Höhlen sind eine Sensation. Nicht nur im touristischen Sinne, sondern weil sie zeigen, dass Kultur die Menschheit schon ewig begleitet und keine Errungenschaft der Moderne ist, die erst ab einem gewissen Grad von Luxus in Erscheinung trat. Kultur war und ist Hilfe im realen Leben von Menschen in einem konkreten zeitlichen und räumlichen Kontext. Früher und heute, in der Stadt und auf dem Land.

Es fällt mir schwer, den Grundton anzunehmen, der aktuell die Analyse des ländlichen Raums begleitet: Er ist mir zu pessimistisch. Immerhin ist die Luft auf der Alb deutlich frischer als die in Stuttgart. Ja, es stimmt: Wir haben den demografischen Wandel, wir haben den Trend, in die Städte zu ziehen; Infrastrukturen auf dem Land sind gefährdet. Hier einzuschreiten, Veränderungen herbeizuführen, ist richtig. Aber wie?

Das Ländliche wird gerne als grundsätzlich provinziell, rück- oder randständig betrachtet. Die Provinz ist aber nicht nur rückständig. Sie ist vor allem nicht eindeutig. Sie ist diffus. Zumindest auf der Alb. Sie ist in Bewegung, sie ist arm und reich, kalt und warm, rückständig und fortschrittlich zugleich. Der eine Ort verliert seine Bevölkerung und Infrastruktur, der Nachbarort prosperiert. Im dritten sitzt ein Global Player, und ein Dorf weiter wird noch regiert wie zu Kaisers Zeiten. In dem Spannungsfeld zwischen Bewahren und Erneuern, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen autoritären und demokratischen Strukturen sucht die Provinz nach einer entsprechenden eigenen Kultur der Gegenwart, jenseits von Vorurteilen und Tradition und jenseits der Kulturversorgung durch städtische Anbieter. In diesem Spannungsfeld bewegt sich auch das Theater Lindenhof. Aber in diesen dynamischen Unterschieden liegt auch eine große Chance.

Überall liest man über die Verunsicherungen durch den rasanten Wandel und die Globalisierung. Aber müssen wir nicht sagen: Gott sei Dank gibt es die Möglichkeiten zur Veränderung! Perspektiven des ländlichen Raums werden sich weiterentwickeln. Energiewende und nachhaltige ökologische Konzepte werden sich mehr und mehr durchsetzen. Es wird neue Mobilitätskonzepte geben, kollaboratives Lernen und Arbeiten im virtuellen Raum wird massiv zunehmen. Man wird in Melchingen bleiben können und trotzdem Tagungsteilnehmerin eines Meetings in New York sein können. Diese permanenten Veränderungsprozesse werden die Lebensbedingungen in peripheren Räumen stark beeinflussen.

Wohin sich eine Region bewegt, ob es den Akteuren gelingt, grundlegende Infrastruktur in den ländlichen Gemeinden zu halten oder gar zu erweitern und Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln, hängt viel von ihrem Selbstvertrauen, von der Kenntnis der eigenen Stärken und Schwächen und von ihrer Wachheit und ihrer Kreativität ab.

Das Dilemma ist, dass der Provinz keine eigene zeitgenössische Kultur zugetraut wird. Film und Fernsehen übertrumpfen seit Jahrzehnten die vermeintliche Rückständigkeit durch gruselige Klischees. Kein Wunder, dass sich Akteurinnen im künstlerischen Bereich außer Nachahmung und Reproduktion nicht viel zutrauen. Landei bleibt eben Landei. Und wer schwäbisch spricht, ist sowieso out.

Der wesentliche Unterschied zwischen Stadt und Land lässt sich nicht an Intelligenzen und Begabungen ihrer Bewohner aufzeigen, sondern an ihren grundsätzlichen Gefügen. Die Stadt ist heterogen, das Dorf ist tendenziell homogen. Die Stadt honoriert individuelle Unterschiede, weil diese Eigenschaften zu größerer wirtschaftlicher Prosperität führen.

Eine ähnliche Bewegung und Grenzüberschreitung hat sich in Melchingen vollzogen, obwohl es ein Dorf ist. Melchingen hat vieles, was andere Orte im strukturschwachen Raum nicht haben: Eine Metzgerei, einen Dorfladen, zwei Bankfilialen, eine Tankstelle und ein Theater. Bei 934 Einwohnerinnen. Das Theater, vor 36 Jahren gegründet, wurde anfangs kritisch beäugt. Inzwischen ist es mit der angegliederten Theaterwirtschaft ein willkommener Treffpunkt und wichtiger Bestandteil der dörflichen Infrastruktur.

Das Theater schafft Verbindungen zwischen Stadt und Land. Aus Jahren der Nachbarschaft, die durch Abgrenzung definiert war, wurde gegenseitiger Respekt. Meinungen und Haltungen gegenüber dem Andersartigen sind in Bewegung geraten. Das spiegelt sich auch im Wahlverhalten. Was in der Stadt als Flair des öffentlichen Raums bezeichnet wird, ist auch in Melchingen zu erleben. Vielleicht nicht als Sturm und auch nicht immer und überall, aber zumindest als frischer Wind an den Abenden, wenn im Lindenhof Spielbetrieb herrscht, wenn sich zwischen Rathaus und Linde Theaterbesucher aus unterschiedlichsten Ecken des Landes einfinden.

Was wir von der Stadt lernen können, ist die städtische Auseinandersetzungskultur. Dass sich demokratische Strukturen und ein entsprechendes Selbstverständnis gegen die Renaissance des Autoritären auf allen Ebenen durchsetzen, ist meiner Meinung nach die Hauptaufgabe im ländlichen Raum. Dazu kann das Theater einen Beitrag leisten. Dazu braucht es Akteurinnen, die die Möglichkeiten von Vielfalt erkennen und in der Lage sind, die größtmögliche Unterschiedlichkeit produktiv zu managen. Politiker, Aktivistinnen, Bürger, die sichtbar demokratische Strukturen durchsetzen und weiterentwickeln und so eine Auseinandersetzungskultur schaffen, die zur Basis für Zukunftsentwürfe werden kann. Dazu ist es nötig, dass das städtische Selbstverständnis einer verbindlichen Kulturförderung auf dem Lande endlich ankommt. Die von der Politik gewünschten Ausgleichsbewegungen zur Erarbeitungen von gleichen Lebensbedingungen in allen Teilen der Bundesrepublik sind ohne einen signifikanten Finanztransfer in die kulturelle Infrastruktur der Peripherie nicht zu verwirklichen.

Unser Lindenhof-Konzept wird weiterhin das Offene suchen. Zuweilen auch die Abgrenzung. Wir werden nicht aufhören, beunruhigt zu sein und wieder und wieder die unmöglichsten Kooperationen in unterschiedlichsten Konstellationen anzustreben. Der Wandel ist unser ständiger Begleiter.

Aber was wir auch in die Hand nehmen, wir erfinden es nicht in unserem Kämmerlein, sondern in einer ständigen Auseinandersetzung mit Land und Leuten. Das ist unser Weg. Ein Weg für unser Theater, ein Weg für Melchingen, ein Weg für die Region Neckar-Alb.

Ein Modell? Übertragbar? Vielleicht, auf jeden Fall aber eine Geschichte aus einem Dorf, die sich der Behauptung des grundsätzlich Defizitären des ländlichen Raums widersetzt. Eine Geschichte, die auffordert, die Chancen der örtlichen Gegebenheiten aufzusuchen, und zur spezifischen Ausrichtung und eigenwilliger Zukunftsgestaltung motiviert.
Eine Geschichte über Kunst.
Eine Geschichte, die dem Zufall eine Chance lässt.
Eine Geschichte, die Mut macht.

Stefan Hallmayer ist Mitbegründer und Intendant des Theaters Lindenhof.