TRAFO 2

Kulturplattform der Lernenden Kulturregion Schwäbische Alb

Die Kulturplattform der Lernenden Kulturregion bietet auf der Schwäbischen Alb zweimal im Jahr einen Begegnungsort für Kulturschaffende und Verbände, Politik und Verwaltung. Von Anfang an sind diese Veranstaltungen, die jeweils an einem anderen Standort stattfinden, mit bis zu 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf sehr großes Interesse gestoßen. Besonders ist zudem, dass der Einladung zur Veranstaltung regelmäßig sowohl die Kultur ­– Kulturakteure, Leiterinnen von Einrichtungen und Ämtern, Künstler – als auch die Politik, Verbände und Verwaltungen – die Staatssekretärinnen zweier Ministerien, zahlreiche Landräte und Bürgermeister, hochrangige Verbandsvertreterinnen – folgen. Aus den Diskussionen ziehen sie alle neue inhaltliche und politische Impulse und erarbeiten neue Kooperationen und Unterstützungsleistungen. Das Format ist inzwischen etabliert und wird auch zukünftig dazu beitragen, politische Entscheidungen zu treffen, die das Kulturleben auf der Schwäbischen Alb weiter voran bringen.

 

Die Kulturplattform - Interview mit Judith Bildhauer

Im Interview erläutert die Leiterin der „Lernenden Kulturregion Schwäbische Alb“, Judith Bildhauer, das erfolgreiche Instrument der Kulturplattform und die Bedeutung von Cliffhangern für ihre Arbeit.

Liebe Frau Bildhauer, seit zwei Jahren leiten Sie das Projekt „Lernende Kulturregion Schwäbische Alb“, aus Ihrer Erfahrung heraus: Vor welchen aktuellen Herausforderungen stehen Kulturakteure auf der Schwäbischen Alb?

Judith Bildhauer: Die Herausforderungen sind ganz unterschiedlich, je nachdem, in welcher Trägerschaft sich die Akteure befinden. Bei uns auf der Schwäbischen Alb gibt es viele kulturelle Vereine. Sie haben damit zu kämpfen, dass immer weniger Menschen sich ehrenamtlich engagieren. Bisher suchen diese Vereine kaum nach Partnerinnen und Partnern, um gemeinsam stärker zu sein. Dann gibt es städtische Kultureinrichtungen wie Bibliotheken, die personell schlecht aufgestellt sind. Sie können sich nur um den Normalbetrieb kümmern, aber keine Ideen entwickeln, um neue Leserinnen zu gewinnen. Das hat natürlich finanzielle Gründe. Genau wie bei manchen Theatern, die immer ausgelastet sein sollen. Sie wagen sich nicht an unkonventionelle Formate, um neue Zuschauer zu gewinnen, aus Angst das alteingesessene Publikum könnte fortbleiben. Einrichtungen in städtischer Trägerschaft haben oft noch ein weiteres Problem: Die Grenzen ihrer Stadt. Sie werden von der lokalen Politik ausgebremst, wenn sie Angebote entwickeln, die sich auch an die regionale Nachbarschaft richten.

Um diese Probleme anzugehen, organisieren Sie zweimal im Jahr eine Kulturplattform. Sie laden dazu Leiterinnen von Kulturinstitutionen, Politiker und Vertreterinnen aus den Behörden ein. Wie funktioniert diese Plattform?

Bildhauer: Auf der ersten Kulturplattform ging es darum, wie eine Lernende Kulturregion überhaupt aussehen soll. Wir haben unser Anliegen erklärt – den Austausch zwischen Kultur, Verwaltung und Politik zu fördern, um Probleme der Kultur im ländlichen Raum anzugehen – und dann einfach zugehört. Beim zweiten Mal haben wir die Diskussionen nach Sparten – Kunst, Theater, Musik und Museum – aufgeteilt, weil wir wollten, dass die Teilnehmer sich mit konkreten Ideen auf ihrem Gebiet einbringen. Es ist uns dabei außerdem wichtig zu zeigen, welche erfolgreichen Konzepte für den kulturellen Wandel im ländlichen Raum es bereits gibt. Dazu laden wir Beispiele aus unserem Projekt und Teilnehmende von außerhalb ein. Schließlich entstehen am Rand der Veranstaltungen informelle Kontakte und gerade in den nicht geplanten Gesprächen Ideen.

Vor welchen Herausforderungen standen Sie beim Aufbau der ersten Kulturplattform?

Bildhauer: Wir wussten nicht, ob wir die verschiedenen Kulturakteure mit unseren Fragen erreichen und ob diese bei den Veranstaltungen auch zusammenfinden, denn da treffen sich der Vorsitzende des örtlichen Musikvereins, die in Berlin geborene, aber auf der Alb lebende Künstlerin, der Bürgermeister einer Albgemeinde, der Intendant des Landestheaters, Landräte, Staatssekretärinnen....

Gibt es eine bestimmte Rollenverteilung?

Bildhauer: Auf der einen Seite natürlich die Kulturschaffenden. Sie erzählen von ihrem Alltag und stellen ihre Anliegen vor. Auf der anderen Seite gibt es verschiedenen Rollen. Da ist einmal der Bund in Gestalt von TRAFO, dem Impulsgeber. Durch das Engagement der Kulturstiftung des Bundes sind von Anfang an zwei Landesministerien Baden-Württembergs dabei, das für Wissenschaft, Forschung und Kunst sowie das Ministerium für den Ländlichen Raum und Verbraucherschutz. Beide sind – neben TRAFO – auch Fördermittelgeber und können die Erfahrungen aus unserem Projekt auch in zukünftige Fördermaßnahmen einspeisen. Auf der Ebene der Landkreise ist es wichtig, die Landräte ins Boot zu holen, um zu sehen: Wie können wir die Kulturarbeit in der Fläche stärken? Die Gemeinden haben schließlich die Aufgabe, direkt vor Ort die Kulturakteure zu stärken und zu schauen, wo es zwickt.

Wie speisen sich die auf den Kulturplattformen diskutierten Ideen der Akteurinnen in die Kulturarbeit der Region ein?

Bildhauer: Das hängt von der Art der Ideen ab: Manchmal sind wir nur Impulsgeber für konkrete Ideen, die die Kulturakteure im Anschluss eigenständig weiterentwickeln. Mit anderen Ideen kommen sie aber auch an einen Punkt, an dem sie alleine nicht mehr weiterkommen und darauf angewiesen sind, dass sich Rahmenbedingungen ändern. Hier versuchen wir zu verstehen, wo es Probleme gibt und wo deren Ursache liegt. Zum einen sind bei der Kulturplattform Vertreterinnen aus Politik und Verwaltung präsent und nehmen diese Rückmeldungen auf, zum anderen treten wir mit diesem Wissen an Verwaltungen und Politik heran. Im Vorfeld der nächsten Kulturplattform wird es deshalb ein Treffen aller Landräte der Modellregion geben, an dem auch Vertreterinnen der Ministerien und Regierungspräsidien teilnehmen, und bei dem besprochen wird, welche Strukturen es braucht, um die Kulturarbeit im ländlichen Raum weiterzuentwickeln.

Welche Zukunft sehen Sie für Ihre Kulturplattform?

Bildhauer: Wir haben uns bei der Kulturplattform auf kein Format festgelegt, so dass wir immer auf den aktuellen Bedarf reagieren können und wahlweise den Austausch der Teilnehmenden, den fachlichen Input von Experten oder die Diskussion zwischen politischen Vertreterinnen in den Vordergrund stellen können. Viele Kulturakteure haben ähnliche Wünsche, aber kaum Möglichkeiten, diese gegenüber Politik und Verwaltung zu äußern, daher denke ich, dass die Kulturplattform noch lange ein geeignetes Modell sein wird.

Was würden Sie Kolleginnen raten, die ein Format wie die Kulturplattform für ihre Region planen?

Bildhauer: Ich würde auf jeden Fall zu Offenheit raten. Es ist sehr fruchtbar, Leute aus dem ganzen Spektrum der Kulturarbeit einzuladen: Künstlerinnen, Ehrenamtliche aus Kulturvereinen, Verbandsvertreter, Leiterinnen kleiner und großer Einrichtungen, Bürgermeister, Landrätinnen, Verantwortliche aus Verwaltung und Ministerien. Konkrete Fragen sind entscheidend wie „Welche Kultur brauchen Gemeinden und kleinere Städte?“ oder „Welche Probleme gibt es über Spartengrenzen hinweg?“ oder „Was verbindet Ausstellungshäuser und Kunstvereine?“. Außerdem braucht es einen Plan, wie es am Ende des Tages weitergeht. Was sollen wir mit den Erkenntnissen machen? Was wird jetzt aus unseren Ideen? Eine Kulturplattform funktioniert nicht als Spielfilm, sondern nur als Serie und da hat jede Folge auch einen guten Cliffhanger.

Zur Person: Judith Bildhauer M.A. ist Leiterin des Sachgebietes Kultur im Landratsamt Ostalbkreis. Sie war an der Entwicklung des Projektes „Lernende Kulturregion Schwäbische Alb“ beteiligt und hat im Januar 2016 dessen Leitung übernommen.