TRAFO 2

Oderbruch Museum Altranft

Seit 2016 arbeitet das Museum in Altranft daran, ein Ort zu sein, an dem Geschichten der Region beheimatet sind. Vor dem Hintergrund der Geschichte des Oderbruchs öffnet sich das Museum für die Auseinandersetzung mit aktuellen Fragestellungen der Region. Unter dem neuen Namen „Oderbruch Museum Altranft“ stellt sich das Museum neu auf und nennt sich im Untertitel: „Werkstatt für ländliche Kultur“. Bereits jetzt lassen sich erste Grundzüge eines Veränderungsmodells für ein zeitgemäßes Regionalmuseum beschreiben.

Das Museum hat Inventur gemacht

Das Museum hat eine Revision seines Bestandes vollzogen. Alle Sammlungsgegenstände wurden in einer großen Schauausstellung nebeneinander ausgebreitet, darunter beispielsweise Spaten und Rübenstecher, Nähmaschinen und Dampfkochtöpfe, Schränke und Radios. Die Besucherinnen und Besucher wurden aufgefordert, ihre Kenntnisse, Erlebnisse und Erinnerungen zu den Artefakten beizusteuern. Unterstützt durch einen Sammlungsbeirat wird nun ein neuer Umgang mit der Sammlung erarbeitet. Teile der Sammlung werden so wieder lebendig und in Ausstellungen, in künstlerischen Arbeiten und in der Museumspädagogik genutzt. Im Gegensatz zu vielen regionalen Museen, die sich darauf konzentrieren müssen, ihre Sammlungen zu bewahren und zu vermitteln, geht es den Museumsmachern in Altranft verstärkt darum, mit den Menschen der Region in Austausch zu treten. Und das ist neu: gesammelt werden nicht nur Gegenstände und Fakten, sondern Geschichten des Oderbruchs.

Das Museum öffnet sich

Das Museum baut ein Netzwerk mit den Heimatstuben und den Gemeinden in der Region auf. In vielen Gesprächen versucht es, ein gemeinsames Verständnis des kulturellen Erbes des Oderbruchs zu entwickeln und eine Sprache zu finden, dieses Erbe zu vermitteln. Ein Raum des Museums ist den Heimatstuben vorbehalten. Gleichzeitig lädt das Museum Schülerinnen und Lehrer zur Mitarbeit an den Themen der Region in die eigens für die Vermittlung geschaffenen Räume ein.

Das Museum arbeitet über die eigene Sparte hinaus

In den Ausstellungen und Angeboten werden Kunst mit Ingenieurwissenschaften, wissenschaftliche Texte mit mündlich Überliefertem, Lesungen und Dorffeste, Theater und Tafelrunden verbunden. Damit überschreitet das Museum die originären Aufgaben dieser Institution. Es verlässt die eigenen Grenzen und geht raus: in die Heimatstuben, in die Schulen, zu den Vereinen und vor allem zu den Leuten vor Ort, die es nach „ihrem“ Oderbruch befragt. In Jahresthemen und -ausstellungen verdichtet das Oderbruch Museum Altranft diese Geschichten und lädt kulturelle Akteure und Künstlerinnen der Region ein, ihre Perspektiven in den Ausstellungen und Angeboten des Museums zu zeigen.


Neuanfang - Interview mit Kenneth Anders

Im Interview berichtet der Programmleiter des Oderbruch Museums Altranft, Kenneth Anders, über den Mut, ein müdes Haus zu schließen und die Geburtswehen des neuen Oderbruch Museums Altranft.

Lieber Kenneth Anders, Sie arbeiten seit zwei Jahren am Aufbau des Oderbruch Museums Altranft zu einem wichtigen Akteur in der Region Oderbruch. Wie kam es dazu?

Dr. Kenneth Anders: Das Museum sollte eigentlich 2015 geschlossen werden. Es war müde geworden und leistete nicht mehr so viel für die Region. Letztlich haben sich dann der Kreistag von Märkisch-Oderland und die Stadtverordnetenversammlung von Bad Freienwalde entschlossen, dass das Museum einen Neustart versuchen sollte. Eine Steuerungsgruppe aus Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Verwaltung, aus Vereinen und Museen entwickelte ein Konzept, mit dem wir uns im TRAFO-Programm beworben haben. Als wir Teil des Programms wurden, haben wir uns an den Umbau des Hauses gemacht.

Was ist die Idee hinter diesem Umbau?

Anders: Wir möchten Kultur und Kunst in den Kontext von Regionalentwicklung stellen. Das versuchen wir durch vielfältige Formen der Selbstbeschreibung. Die verschiedenen Künste – vom Theater, der Literatur und der Musik bis zur museologischen Sammlung –sollen ihren Beitrag dazu leisten: Was ist das Besondere an der eigenen Region, welche Erfahrungen haben sich in sie eingeschrieben, was sind ihre wichtigsten Ressourcen und ihre schönsten Geschichten? Das wollen wir herausfinden und Gestalt werden lassen. Wir haben zum Beispiel im Oderbruch ein weltweit einmaliges Wassersystem, das wir als riesige Landschaftsmaschine beschreiben. In unserer Ausstellung bekommt man ein Gefühl davon. Oder die Nöte der hier arbeitenden Handwerkerinnen und Landwirte – kann man sie auf die Bühne bringen? Das versuchen wir. Es ist für alle Beteiligten ein Neuanfang.

Was waren die ersten Veränderungsschritte?

Anders: Das Museum verfügte über einen recht unübersichtlichen Sammlungsbestand aus über 15.000 Objekten. Wir unterziehen ihn einer Revision. Das ist kein leichter Prozess, denn natürlich kann es unterschiedliche Meinungen dazu geben, was wichtiges Kulturgut ist und was eher nicht. Transformationsprozesse lösen immer auch Widerstände aus, aber es gibt auch viel Zuspruch für den neuen Weg. Mit jeder neuen Ausstellung, die wir zeigen, mit jeder Veranstaltung, die im Museum stattfindet, wächst die Neugier und das Interesse am neuen Oderbruch Museum Altranft.

Was sind die wichtigsten Mittel für einen Neustart eines Museums?

Anders: Man benötigt strategische Ziele und prozessuales Denken. Zwischen diesen Prinzipien muss man sich seine Navigation aufbauen, denn gerade am Anfang, wenn das, was man zeigen will, noch nicht sichtbar geworden ist, braucht es starke Nerven und ein Vertrauen in das Gelingen.

Für den Aufbau der neuen Dauerausstellung bestimmen Sie Themen aus der Region (Wasser, Handwerk, Landwirtschaft). Wie kommen Sie auf diese Themen?

Anders: Wir gehen von einem bestimmten Begriff der ländlichen Kultur aus, in dem Dinge wie Selbstverantwortung, Autopoiesis, aber auch die Beziehung zu Boden, Licht und Wasser – als den menschlichen Lebensgrundlagen – eine Rolle spielen. Ich bin überzeugt, in jeder Region würde man schnell die wichtigsten Zutaten finden, aus denen sie gemacht ist und dadurch Themen generieren können. Die Landwirtschaft und das Handwerk werden wohl immer dazugehören. Aber auch die ländliche Gesellschaft oder die Baukultur sind solche Zutaten. Hat man die wichtigsten Schichten einmal beschrieben, kann man sich kleinere Facetten suchen. Wir hatten zum Beispiel gerade das Jahresthema Wasser – in zehn Jahren würden wir vielleicht einmal spezieller nur die Fischerei unter die Lupe nehmen.

Sie laden Künstlerinnen in das Museum ein. Was ist die Idee dahinter?

Anders: Künstlerische Arbeitsweisen geben uns die Chance, das eigene Leben neu zu sehen. Wir verpflichten die Künstler darauf, diese Landschaft und ihre Menschen ernst zu nehmen und sorgfältig mit ihren Geschichten umzugehen. Aber indem die Künstlerinnen diese dann verarbeiten, entsteht eine ästhetisch erzeugte Ordnung. In ihr erkennen die Menschen die Größe, den Stolz, aber auch die Abgründe ihres eigenen Lebens. Bei uns sind es zum Beispiel die Hochwassererfahrungen, in denen die Schicksale der Bewohner existenziellen Charakter annehmen. Das ist gerade in der Provinz, deren Bewohnerinnen immer eingeredet wird, sie führten ein mittelmäßiges Dasein, eine sinnvolle Aufgabe.

Wie ist die Zusammenarbeit mit anderen Kulturakteuren in der Region?

Anders: Sie ist über die Jahresthemen mit Kooperationsprojekten sowie über zwei Netzwerke aufgebaut. Zum einen arbeiten wir mit zehn Schulen aus der Region an landschaftlicher Bildung in den Curricula sowie im Museum, zum anderen bauen wir ein Netzwerk an Kulturerbe-Orten auf, in dem Heimatstuben, Dorfmuseen, Besitzerinnen von Bauernhäusern oder Kirchgemeinden mitwirken. Es sind sehr verschiedene Partner.

Wie würden Sie die ersten Erfahrungen bewerten? Haben Sie den ursprünglichen Ansatz bestätigt oder haben Sie dazu geführt, den Weg zum Ziel neu zu bestimmen?

Anders: Ich denke, wir tun genau das, was wir uns vorgenommen haben. Unterschätzt haben wir lediglich die Schmerzen der Institutionalisierung und Professionalisierung. Sie sind so etwas wie die Geburtswehen unseres Museums.

Was würden Sie anderen Museen raten, die sich auf einen solchen Transformationsprozess einlassen?

Anders: Vor allem eine Sache: Den Mut zu haben, zu schließen und erst wieder aufzumachen, wenn man wirklich etwas Neues zeigen kann. Wir haben das Museum, den Umbau des Museums als Operation am offenen Herzen versucht. Das ist zwar interessant, es kostet aber auch viel Kraft, denn man ist in dieser sensiblen Phase sehr angreifbar. Es gehört Offenheit und Phantasie dazu, sich ein Museum im Werden vorzustellen, letztlich auch das Vertrauen, dass da etwas Besseres entstehen wird. Man macht es Menschen, die diese Bereitschaft nicht aufbringen wollen, durch diese eigentlich wünschenswerte Transparenz leicht, den Prozess des Neustarts zu behindern. Und letztlich gilt: alles, was öffentlich wird, hat selbst wieder Produktqualität und wird auch so beurteilt. Man darf also nicht mit der Milde der Zuschauer rechnen, wenn man etwas vorstellt, das nicht richtig durchdacht ist. Die Zeit für Klarheit, die sollte man sich nehmen.

Zur Person: Dr. Kenneth Anders ist Kulturwissenschaftler und Autor. Mit Lars Fischer entwickelte er Arbeitsweisen der Landschaftskommunikation, die auf Regionalentwicklung durch kulturlandschaftliche Diskurse zielen. 2015 erarbeitete er die Konzeption für die Transformation des ehemaligen Freilichtmuseums Altranft, dessen Programmleiter er seit 2016 ist.