Ideenkongress

„Wie vom Land sprechen?“

Einblicke in den Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen
Von Cornelius Puschke

Das Land ist überall dort, wo nicht Stadt ist. Und Stadt ist überall dort, wo nicht Land ist. So einfach und gleichzeitig banal könnte man auf die Frage „Wie vom Land sprechen?“ antworten. Nur würde man dabei die komplexen Entwicklungen des Lebens in ländlichen Räumen außer Acht lassen. Über mehrere Monate leitete uns diese Frage durch Sachsen-Anhalt und seine Umgebung und wurde so zu einer ungewöhnlichen, weitgreifenden und überraschenden Recherchebewegung. Unzählige Male verabschiedeten wir uns von eingeübten Begriffen, Bildern und Repräsentationen des Landes. Durch über 60 persönliche Gespräche mit Expertinnen unterschiedlichster Couleur lernten wir neue Blickwinkel kennen und verlernten – im positiven Sinne – viele der Stereotype, die sich hinter Begrifflichkeiten wie „Ländlichkeit“ verbergen.

Am Abend des 19. Septembers versammeln sich für einige Stunden die 60 Experten im Volkspark in Halle an der Saale für den Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen, die ihr Wissen in dreißigminütigen Einzelgesprächen mit dem Publikum teilen werden. Einigen der Gespräche kann man per Funk im Saal zuhören und so entsteht ein kaleidoskopisch-komplexes Bild, das aus zahlreichen unterschiedlichen Perspektiven besteht. So erzählt der Leipziger Maler Steven Black von der Erfindung der Freiluftmalerei und die Biologin Gabriele Schafberg berichtet von der Kolonialgeschichte des usbekischen Karakulschafs und der in Halle ansässigen größten Haustierskelettsammmlung der Welt. Außerdem erinnert sich Gabi Haas an die Ausrufung der Freien Republik Wendland im Jahr 1980 während der Techno-Pionier Dimitri Hegemann Einblicke in die tiefe Verwandtschaft des Techno mit der Peripherie gibt. Die Hallenser Rechtsanwältin Gabriele Huber-Schabel wirft einen Blick in das Bürgerliche Gesetzbuch und spricht über seine Bienen-Paragraphen. Gleichzeitig schlägt der Psychologe und Filmemacher Red Haircrow vor, die durch Karl May bekannten Stereotype über amerikanische Ureinwohnerinnen zu vergessen. Die wechselreiche Geschichte des ehemaligen Tagebaus Goitzsche umreißt ihr Chronist, der Museumsleiter Uwe Holz, und nur wenige Tische weiter baut der dreizehnjährige Calvin in Minecraft mit einem Besucher das perfekte Dorf.

Ein bestimmendes Thema der Recherche war die Frage nach der Entwicklung von Infrastrukturen in ländlichen Räumen: So besteht etwa die Möglichkeit, mit dem Verwaltungsjuristen Thomas Reumann über gesundheitliche Versorgung jenseits von Ballungsgebieten zu sprechen oder mit Claudia Dalbert, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft und Energie in Sachsen-Anhalt, über die Zukunft der Viehzucht zu diskutieren. Außerdem fragt Claudia Neu, Professorin für Soziologie ländlicher Räume, danach, wer die Verantwortung für intakte Infrastrukturen trägt.

Auf diese Weise teilen im Rahmen des Schwarzmarkts für nützliches Wissen und Nicht-Wissen und zur Eröffnung des Ideenkongresses 60 Expertinnen in 168 Gesprächen ihr Wissen über Potentiale und Vorurteile, Utopien und Projekte, unbekannte Orte und abgelegene Landschaften. Ihre Erzählungen setzen Vorstellungen des einen ländlichen Raums eine Vielzahl an Fakten und Fiktionen entgegen. Sie geben Einblicke in die enorme Vielschichtigkeit und Heterogenität ländlicher Räume und erweitern durch ihre Perspektiven den Horizont einer aktuellen Debatte. Der Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen wird an diesem Abend zu einem lebendigen Archiv und schafft ein ethnographisches Portrait einer weit reichenden Frage: „Wie vom Land sprechen?“.

 

Zur Person: Cornelius Puschke ist freischaffender Dramaturg, Autor und Dozent. Er beschäftigt sich in seiner Arbeit mit ethnographischen Praxen in den darstellenden und bildenden Künsten. Er studierte Kulturanthropologie und Germanistik in Hamburg. Seit 2007 verbindet ihn eine regelmäßige Zusammenarbeit mit Rimini Protokoll. Er war in der Dramaturgie des Maxim Gorki Theaters und bei den Berliner Festspielen (Foreign Affairs, Immersion) engagiert und arbeitete mit Künstlerinnen wie Ed Atkins, Boris Charmatz / Musée de la danse, Omer Fast, David Helbich, Annika Kahrs und Nature Theater of Oklahoma. Lehrtätigkeiten führten ihn als Gastprofessor für Dramaturgie an die HAW Hamburg und als Dozent u.a. an die Universität St. Gallen, Universität für Angewandte Kunst Wien, HafenCity Universität Hamburg, Theaterakademie Hamburg und die Freie Universität Berlin.