Ideenkongress

Kleine Städte

Partner im Themenraum ist das Thünen-Institut für Ländliche Räume.
Verantwortlich für die Konzeption des Themenraums sind Dr. Annett Steinführer, Wissenschaftlerin am Thünen-Institut für Ländliche Räume, Dr. Tim Leibert, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig, und Alexandra Tautz, Referentin für ländliche Räume, Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Brandenburger Landtag.

 

Freitag, 21.09.2018, 11.00-16.30 Uhr
Theatersaal


Kleine Städte gelten oft als homogen, überschaubar und statisch. So präsentieren sich etwa viele Kleinstädte über ihr Stadtmarketing als ländlicher Wohnstandort für Familien oder lebenswerter urbaner Alterswohnsitze für die „Best Ager“. Zugleich kennen wir aus der Belletristik, aus Büchern, Filmen und Wochenzeitungen auch ganz andere Darstellungen: Kleinstädter seien Kleinbürger, hier sei es geistig besonders eng, es fehle an kreativem Potenzial, und die soziale Kontrolle sei hoch. Welches Bild stimmt denn nun – oder stimmen beide nicht? Oder ist es (doch) in jeder kleinen Stadt unterschiedlich? Expertinnen aus den Sozial- und Geisteswissenschaften, aus Politik, Kommunen, Kultur und Raumplanung zeigen, dass kleine Städte auch heterogene, unübersichtliche und dynamische Sozialräume sind. Sie geben zudem Einblick in die Bedeutung von Gebietsreformen und gehen der Frage nach, welchen Einfluss die Verländlichung dieses Siedlungstyps und die Eingemeindung immer weiterer Dörfer auf die Handlungsspielräume kleiner Städte haben.

 

ABLAUF

11.00 Uhr Einführung in den Themenraum
Dr. Annett Steinführer, Thünen-Institut für Ländliche Räume, Dr. Tim Leibert, Leibniz-Institut für Länderkunde, Alexandra Tautz, Referentin, Fraktion Bündnis 90/ DIE GRÜNEN im Brandenburger Landtag

11.15 Uhr Vortrag
Bilder kleiner Städte? Was zeigt, was weiß die Schöne Literatur?
Prof. Dr. Werner Nell
, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Die Zeit der Kleinstadt scheint eine Zeit von gestern oder gar vorgestern zu sein. Inwieweit aber Kleinstädte nicht nur als Residuen einer einstmals bürgerlichen Gesellschaft zu sehen sind, sondern auch Handlungsort und Erfahrungsfeld zivilgesellschaftlicher Akteure werden können, wird mit einem Blick in die Literaturgeschichten Europas und Nordamerikas erörtert. Die Texte geben in ihren vielfältigen Formen und Gestaltungen nicht nur Aufschluss über zentrale Problem- und Fragstellungen moderner Lebenswelten und aktueller Zeitumstände, sondern orientieren sich auch an den in den Kleinstadtbildern erkennbaren Traditionsbeständen, Erfahrungsschätzen und bürgergesellschaftlichen Ansprüchen.

11.45 Uhr Vortrag
Kleine Städte und Zuwanderung - Folgen für die Stadtgesellschaften
Gudrun Kirchhoff, Wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Institut für Urbanistik
Zuwanderung ist ein wesentlicher Entwicklungsfaktor auch für kleine Städte. Der Vortrag basiert auf Ergebnissen des abgeschlossenen Forschungsprojekts „Vielfalt in den Zentren von Klein- und Mittelstädten“ und legt seinen Schwerpunkt auf die Folgen von Zuwanderungsprozessen für kleinere Städte am Beispiel von Michelstadt (Hessen) und Zittau (Sachsen). Vergleichend dargestellt werden die Bedeutung von Zuwanderung für die Städte, die Unterschiede der Zuwanderungsgruppen und ihre sozialräumliche Differenzierung, die unterschiedlichen Voraussetzungen für Integrationsprozesse, die Akteure der Integrationsarbeit und ihre Vernetzung sowie die Verankerung von Integration in kommunaler Verwaltung und Politik.

12.15 Uhr Vortrag
Die Bedeutung des Kleinstadt-Kinos für ländliche Räume in Deutschland im 20. Jahrhundert

Prof. Dr. Clemens Zimmermann, Universität des Saarlands, Lehrstuhl für Kultur- und Mediengeschichte
In der Geschichte des Kleinstadtkinos von den 1920er Jahren bis heute zeigen sich ambivalente Charakteristika der generellen Kleinstadtentwicklung: Attraktivität für umgebende ländliche Bevölkerungen und Annäherungen an allgemeine urbanistische Standards, aber auch die wachsende Konkurrenz mit umgebenden größeren Städten. Der Vortrag untersucht ferner typische Programmangebote des Kleinstadtkinos. Schließlich wird die Frage aufgegriffen, welchen Beitrag das künftige Kleinstadtkino zur Erhaltung kultureller Diversität leisten kann.

Im Anschluss Diskussion und Publikumsgespräch

13.00-14.00 Uhr Mittagspause

14.00 Uhr Vortrag
Kleinstadtrealitäten aus soziologischer Perspektive

Prof. Dr. Stephan Beetz, Hochschule Mittweida, Fakultät Soziale Arbeit
Welche spezifische Form lokaler Vergesellschaftung stellt die Kleinstadt – gegenüber dem Dorf und der Großstadt – dar? Und wie verändern räumliche Neuordnungen, zu denen z.B. regionale Entbettungen, Hierarchisierungen und der Wettbewerb mit anderen Städten und Gemeinden gehören, die Funktionen und die Besonderheiten von Kleinstädten? Der Vortrag geht diesen Fragen nach und stellt Ansätze vor, wie Kleinstädte neue Identitäten entwickeln können.

Im Anschluss Diskussion und Publikumsgespräch

14.30 Uhr Vortrag
Warum Gemeindegebietsreformen? Legitimationsargumente und alternative Ansätze

Prof. Dr. Gisela Färber, Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer
Seit Jahrzehnten werden Territorialreformen von den Menschen in den betroffenen Regionen immer wieder emotional diskutiert. In den Debatten vor Ort besteht Uneinigkeit darüber, wie Kreise und Gemeinden zukünftig gestaltet sein sollen, und auch die Sinnhaftigkeit solcher Reformen wird per se angezweifelt. Der Beitrag beleuchtet vor allem die Legitimationsargumente von Befürworterinnen dieser Reformen. Dabei wird aufgezeigt, unter welchen Rahmenbedingungen Gebietsreformen sinnvoll sein können, welche Fehler in der Vergangenheit gemacht wurden und welche Alternativen denkbar sind.

14.50 Uhr Vortrag
Gebietsreformen: Mehr Risiken als Chancen
Dr. Felix Rösel
, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am ifo Institut, Dresden
Die Zusammenlegung kleinerer Städte und Gemeinden soll im Regelfall Geld sparen oder die Leistungsfähigkeit der Verwaltungen verbessern. Evaluationsstudien, die zurückliegende Gebietsreformen in den Blick nehmen, können jedoch nur in wenigen Fällen positive finanzielle oder administrative Effekte nachweisen. Aktuelle Untersuchungen deuten zudem darauf hin, dass Gebietsreformen räumliche Ungleichheiten verstärken können und die Distanz zwischen Lokalpolitik und Bürgern wächst.

15.15 Uhr Kommentare aus der Praxis
Was spricht in der Praxis für und gegen Gemeindegebietsreformen? Wie entwickelt sich die kulturelle Identifikation der Menschen mit ihrer Region? Wie können kleine Städte ihren Auftrag als Ankerfunktion für die ländlichen Regionen wahrnehmen?
Impulsgeber: Frederik Bewer, Bürgermeister der Stadt Angermünde in Brandenburg, und Thomas Fiedler, stellvertretender Rektor und Fachbereichsleiter der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung.

16.00 Uhr Publikumsgespräch mit Graphic Recording
Grafic Recording: Paula Föhr

 

Die folgenden Hintergrundtexte geben vertiefte Einblicke in das Thema „Kleine Städte“:

Kleine Städte

 

Kleine Städte gelten weithin als homogen, überschaubar und statisch. Bücher, Filme und Medien greifen diese Eindrücke gern auf. So präsentieren sich Kleinstädte über ihr Stadtmarketing bevorzugt als beschauliche Wohnorte für Familien oder als lebenswerte urbane Alterswohnsitze für die „Best Ager“.

Vom „Furchenglück“ und den großen Fragen der Zeit

 

Die Kleinstadt als Bühne großer Literatur. Was können wir aus der Literatur des 19. Jahrhunderts und aus aktuellen Büchern über das Leben auf dem Land erfahren? Prof. Dr. Werner Nell von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg über Grenzen und große Träume, Zumutungen und das kleine große Glück.

Das rüttelt an der Demokratie

 

In den vergangenen Jahren waren Gebietsreformen ein Dauerthema bei allen Parteien in fast allen Bundesländern, nicht zuletzt in Ostdeutschland. Wurde das Ziel der Gebietsreformen erreicht? Dr. Felix Rösel vom ifo Institut in Dresden berichtet, ob die Versprechen tatsächlich gehalten haben.