Ideenkongress

Perspektive Land

Partner im Themenraum ist die Internationale Bauausstellung (IBA) Thüringen.
Verantwortlich für die Konzeption des Themenraums ist Kerstin Faber, Projektleiterin IBA Thüringen.

 

Donnerstag, 20.09.2018, 11.00-17.30 Uhr
Theatersaal

Im Themenraum „Perspektive Land“ stehen die Veränderungen im ländlichen Räumen im Mittelpunkt: Wie bewerten Politikwissenschaftler und Sozialpädagoginnen die Entwicklungen? Welche Narrative interessieren Soziologinnen und Kulturakteure? An welchen neuen Konzepten arbeiten Architekten und Raumplanerinnen? Seit 2008 leben weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Die Stadt, vermeintlich der Ort von Fortschritt, Vielfalt und Chancen, scheint sich als Lebensprinzip durchgesetzt zu haben. Dieses Verständnis von Stadt fordert ein neues Verhältnis zum Land. Wie können nicht nur Netzwerke aus großen und kleinen Städten entstehen, welche Potenziale liegen in Kooperation und Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land? Und wie gehen wir als Gesellschaft mit unseren Ressourcen um? Gleichzeitig lebt man heute auf dem Land global wie in der Stadt, pendelt zur Schule und zur Arbeit, kauft in denselben Supermärkten ein oder bestellt und konsumiert online. Die Aufhebung des Stadt-Land-Gegensatzes geht mit der Ausbreitung urbaner Lebensstile bis in periphere Räume einher. Jedoch behindert der in Deutschland geführte ökonomische Diskurs zum Wandel oftmals eine objektive Auseinandersetzung über die vielfältigen Ursachen und negiert die Chancen und Potenziale, die ländliche Räume aufweisen. Was wir dringend brauchen, sind deshalb neue Narrative für ländliche Räume, die gesellschaftliche Bindekraft und Selbstbewusstsein entfalten können.


ABLAUF

11.00 Uhr Einführung
Das Land in der Stadt und die Stadt auf dem Land
Dr. Marta Doehler-Behzadi
, Geschäftsführerin der IBA Thüringen
Die alte Fortschrittserzählung von „Stadtluft macht frei“ basierte auf dem politischen und kulturellen Gegenbild zum Land. Aber vom „Idiotismus des Landlebens“ kann heute keine Rede mehr sein. Stadt und Land werden einander immer ähnlicher, ohne gleich zu werden. Was ist das StadtLand von heute und morgen? Welche Rolle spielt StadtLand für ein zu erneuerndes Konzept von Nachhaltigkeit und in Bezug auf die Ressourcen unseres Lebens? Und welchen Wert nehmen das Land und die Kulturlandschaft, der Freiraum, die Flächen und Böden darin ein?

11.15 Uhr Impuls
Es lebe das Land! Freiräume, Chancen, Potenziale

Prof. Kerstin Schultz, liquid Architekten
Taugt das Land noch als Sehnsuchtsort? Welche Landerwartungshaltung gibt es heute? Der Traum vom Eigenheim ist ungebrochen - doch welche Rolle spielt dabei die Bau- und Landkultur? Ist die erlebbare Qualität der Lebensräume und die Etablierung eines breiten Wohnangebotes mit einer unvoreingenommenen Einstellung zum und vom Land eine Chance auch für den ländlich peripheren Raum? Und ist das Land nur noch zum Wohnen da?

Offene Diskussion

12.00 Uhr Impuls
Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse. Ein Plädoyer für ein neues Integrationsversprechen

Prof. Dr. Claudia Neu, Georg-August-Universität Göttingen, Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung, Lehrstuhl für Soziologie Ländlicher Räume
Die Verfassung gibt uns auf, die „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ in der Bundesrepublik aktiv zu gestalten. Die notwendige Debatte um den Wert gleichwertiger Lebensverhältnisse und den sozialen Zusammenhalt rückt die soziale Gleichheit dabei wieder in den Mittelpunkt. Welche Infrastrukturen müssen gleichwertig gewährleistet sein? Wie können wir ein neues Integrationsversprechen für unterschiedlichste Räume entwerfen? Was können wir vom Staat fordern und wie?

12.15 Uhr Impuls
Helden statt Hürden. Wie der ländliche Raum seine Zukunft gestalten kann

Dr. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung
Mit Geld allein lässt sich keine Region stabilisieren. Ein wichtiges Kapital sind die Menschen vor Ort mit ihren Ideen und ihrer Tatkraft. Das befreit den Staat jedoch nicht von seiner Verantwortung. Wie können sinnvolle Kooperationen und Förderungen für die Entwicklung ländlicher Räume aussehen? Welche Beispiele gibt es bereits dazu, was können wir von ihnen lernen? Wie können wir die Erfahrungen effektiv verbreiten? Und was passiert, wenn nichts passiert?

Offene Diskussion

13.00-14.00 Uhr MITTAGSPAUSE

14.30 Uhr Impuls
Medien können das Land bewegen. Herausforderungen des Lokaljournalismus
Benjamin Piel, Chefredakteur des „Mindener Tageblatts“
Demokratie vor Ort zu fördern, heißt, Meinungsvielfalt zu stärken. In diesem Kontext haben die Lokalmedien eine bedeutende Rolle. Gleichzeitig vollziehen sie mit immer weniger Personal den Übergang in die digitale Produktion. Wie kann es heute gelingen, eine gute Lokalzeitung zu betreiben, die vielfältig informiert, objektiv aufklärt und Diskussion befördert? Stellt die Fokussierung auf das Lokale und die Zentralisierung der überregionalen Inhalte eine Gefahr oder eher eine Chance für den Lokaljournalismus dar?

14.45 Uhr Impuls
Mehr Mut zur Stärke. Förderung von Demokratie auf dem Land

Timo Reinfrank, Geschäftsführer der Amadeu Antonio Stiftung
Nicht nur im ländlichen Raum steht der demokratische Zusammenhalt der Gesellschaft auf dem Prüfstand. Dass es politischen Handlungsbedarf gibt, haben die Ergebnisse der letzten Bundestagswahl gezeigt. Absolut notwendig ist die verlässliche, sicht- und hörbare, kontinuierliche Vor-Ort-Präsenz demokratischer Institutionen und ihrer Vertreter. Dazu braucht es eine starke Zivilgesellschaft. Was passiert, wenn es beides nicht mehr gibt? Und wie kann man beides fördern?

Offene Diskussion

15.30 Uhr Impuls
Neue Raumsolidarität. Projektorientierte Allianz der Zentren und ihres Hinterlandes
Dr. Julian Petrin
, urbanista
Während sich die Städte und ihre Randbereiche sozioökonomisch und damit auch als politische Gebilde stabilisieren, profitiert der ländliche Raum kaum von dieser Entwicklung. Mit welchen Strukturen lässt sich der Kontraktion des Raumes begegnen? Was können wir aus den Fehlern vorangegangener Gebietsreformen oder auch aus gelungenen interkommunalen Kooperationen lernen? Liegt die Verantwortung dabei nur auf raumpolitischer Ebene?

15.45 Uhr Impuls
Arrival Stadtland. Zwischenraum zum Ankommen
Hanka Giller
, Leiterin Amt für Jugend/Sport der Stadtverwaltung Saalfeld
Der ländliche Raum braucht Zuwanderung. Wie diese gelingen könnte und wie aus einer Brache ein gemeinsam entwickelter, internationaler Ort mit Perspektive wird, erprobt ein Projekt in Saalfeld. Wie werden attraktive Räume des Ankommens gestaltet? Wie schafft man Offenheit auf allen Seiten? Welche Handlungsansätze und Partnerinnen braucht es dazu? Was bedeutet das für die Entwicklung der Kultur vor Ort?

Offene Diskussion

16.30 Uhr Statement
Gemeinwohlproduktion als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Forderung nach einer neuen Haltung

Loring Sittler, ehemaliger Leiter des Generali Zukunftsfonds
Wir werden weniger, älter und bunter. Kann alles so weitergehen wie bisher? Wir stehen insbesondere im sozialen Bereich vor einem Paradigmenwechsel. Die komplexe Gestaltung der Zukunft erfordert deshalb die Mobilisierung aller
Potenziale der Gesellschaft. Damit ist eine gewaltige Gemeinschaftsleistung gefordert. Welche grundlegenden Haltungsänderungen leiten sich aus dieser Ausgangslage ab? Und welche Rolle spielen dabei die Alten?

Abschlussdiskussion


Die folgenden Hintergrundtexte geben vertiefte Einblicke in das Thema „Perspektive Land“.

StadtLand

 

Das Kunstwort StadtLand steht beispielhaft für die unscharf gewordenen Kategorien von Stadt und Land. Das Verschwinden der klassischen industriellen und bäuerlichen Arbeit sowie die neuen Arbeitswelten und Kommunikationsstrukturen lassen den Alltag in Stadt und Land ähnlich werden.

Ein neuer gesellschaftlicher Stoffwechsel

 

Im Interview beleuchtet Dr. Marta Doehler-Behzadi, Geschäftsführerin der IBA Thüringen, die Beziehungen zwischen Stadt und Land und erklärt, welche Impulse aus der Raumplanung und der Baukultur für einen solchen Wandel ausgehen können.

Perspektiven der Provinz

 

Thomas Krüger ist Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Wo sieht er die Herausforderungen des Wandels auf dem Land? Ein kurzes Gespräch zum Versprechen gleichwertiger Lebensverhältnisse, zum modernen Gemeinschaftsgefühl und zur Bedeutung von Raumpionieren.