Regionen

Jahresthemen als Säule der Programmarbeit

Von Lars Fischer

Jedes Jahr widmet sich das Oderbruch Museum Altranft einem Thema der Region, das die Museumsarbeit ein ganzes Jahr prägt: In Ausstellungen, Publikationen, Kooperationsprojekten, öffentlichen Gesprächen, Lesungen und in Film- und Thea terveranstaltungen. Lars Fischer gibt Einblicke in die Jahresthemen und wie sie im Museum ungesetzt werden.

Die Arbeit mit wechselnden Jahresthemen ist eine wichtige Säule unserer Programmarbeit. Jahresthemen geben uns die Möglichkeit, die Selbstbeschreibung der Landschaft Oderbruch zu unterstützen. Landschaft verstehen wir als von unterschiedlichen Menschen angeeigneten und von ihnen geteilten Raum. Um Landschaft weiter zu gestalten, zu entwickeln, müssen das Wissen und die Zukunftsaussichten der Menschen eingebunden werden. Dafür braucht es geeignete sprachliche, kulturelle und künstlerische Ausdrucksformen. Daher gilt es, die unterschiedlichen Fähigkeiten der Menschen zur Beschreibung der eigenen Landschaft zu stärken – in welcher Form auch immer. Dies ist die Grundlage unseres Ansatzes im Oderbruch Museum Altranft: Wir wollen die Auseinandersetzung mit aktuellen landschaftlichen Themen befördern, das heißt, nach den regionalen alltagskulturellen Besonderheiten fragen. Anhand dieser Fragestellungen erweitern wir den Ausstellungsrundgang im Museum auch durch künstlerische Projekte Schritt für Schritt. Ziel ist es, dass unser Regional museum Jahr für Jahr wächst, inhaltlich wie gestalterisch reicher wird, in der Region Wurzeln schlägt und immer wieder neuen Anlass für einen Besuch bietet.

Die Themen Handwerk, Wasser und Landwirtschaft im Oderbruch haben wir seit 2016 in diesem Format bearbeitet. Gegenwärtig ist die Baukultur unser Thema. Im Jahr 2020 werden wir Menschen in den Mittelpunkt rücken, die durch ihr Tun die Landschaft in besonderer Weise mitgestalten.

Vielfalt der Sichtweisen

Am Beispiel des Jahresthemas 2018 Landwirtschaft soll diese Arbeitsweise unseres Museums skizziert werden. Am Anfang führen wir viele Gespräche mit sorgfältig ausgewählten Partnerinnen in der Region. Das Spektrum bilden große Landwirte mit über 1.000 Hektar und kleine Landwirte mit nur 15 Hektar, biologisch und konventionell produzierende, Tierproduzenten und Ackerbaubetriebe, seit Generationen ansässige Betriebe und neu gegründete, von der großen Unternehmensgruppe bis zur solidarischen Landwirtschaft, vom Leiter des Landwirtschaftsamts im Landkreis bis zum Landesbauernpräsidenten. Die Gespräche werden in eine autorisierte Textform gebracht und bilden die empirische Grundlage für unsere weiteren Arbeiten. Die Auswahl der Gesprächspartnerinnen ist dem Grundsatz der Perspektivvielfalt verpflichtet. Unser Ziel ist es, unterschiedliche Sichtweisen auf den ländlichen Raum zu finden, die es zu verstehen, zu dokumentieren und miteinander in Beziehung zu setzen gilt. Deshalb richten sich die Gespräche, die wir mit den Akteuren vor Ort führen, sowohl auf die Darstellung einer bestimmten Praxis als auch auf die daraus erwachsenden divergierenden Ansprüche an den Raum. Flankiert wird diese Darstellung durch Literatur- und andere Quellenrecherchen.

Die Vielfalt der Sichtweisen wird dann in eine Ordnung gebracht, in der Schnittmengen und Konflikte so formuliert sind, dass die Komplexität des jeweiligen Jahresthemas sowohl für die Besucherinnen des Museums als auch für die Befragten erkennbar wird. Wir versuchen dies zum einen über eine Publikation zum Jahresthema, die alle Texte und eine eigens produzierte, dokumentarisch angelegte Bildwelt sowie weitere Rechercheergebnisse vereint. Sie fördert so einen regionalen – wie überregionalen – Diskurs über die Landwirtschaft, trägt zur Differenzierung bei und verweigert sich vorschnellen Urteilen über gute oder schlechte Praxis.

Zum anderen versuchen wir das über Formate, in denen wir die Gesprächs- und Rechercheergebnisse des Themenjahres neu ordnen, um sie für die landschaftliche Selbstbeschreibung und Auseinandersetzung fruchtbar zu machen. Dies umfasst vor allem künstlerische Projekte in Altranft. Zur Landwirtschaft entstand beispielsweise das Zwei-Personen-Theaterstück „Die Kluge Bauerntochter wird noch gebraucht“, das Motive des Grimmschen Märchens von der klugen Bauerntochter mit Zitaten aus den Gesprächen verwebt und die gesellschaftlichen Konflikte um die Landwirtschaft zwischen Bauern und Bürgerinnen auf die Bühne bringt.

Ausstellungen

Drei mit unterschiedlichen künstlerischen Mitteln arbeitende Ausstellungen wurden zum Thema Landwirtschaft produziert und in den Ausstellungsrundgang integriert. Unter dem Titel „Das Erbe der freien Bauern“ gingen wir in einem historischen Bogen von der Trockenlegung des Oderbruchs bis in die Gegenwart den Fragen nach, in welchen Spannungsverhältnissen sich bäuerliches Handeln vollzog und wo Grenzen und Spielräume für eine freie bäuerliche Existenz lagen. Die Ausstellung „Lob des Bauern“ führt nicht nur in die Entwicklung der Energie- und Stoffströme unterschiedlicher landwirtschaftlicher Produktionsformen ein, sondern gibt auch einen Einblick in das für den Beruf heute nötige Wissen, den rechtlichen und bürokratischen Rahmen sowie die Förderstrukturen und wagt schließlich einen Blick in die Zukunft landwirtschaftlicher Produktion. Das Jahresthema schlägt sich aber auch als eine Schicht in unserer Dauerausstellung über das Oderbruch nieder. Hier zeigen wir die Portraits unserer Gesprächspartner und präsentieren aussagekräftige Zitate zum Thema in Form von Schriftbändern an den Wänden. Außerdem haben wir sogenannte Werkbänke gestaltet, auf und in denen wesentliche Informationen zur Landwirtschaft im Oderbruch, zum Boden oder den angebauten Kulturen präsentiert und den Besucherinnen zum Nachlesen angeboten werden.

Projektfonds für Kooperationen

Neben den Ausstellungen in Verantwortung des Museums spielen Kooperationen mit Partnern in der Region eine große Rolle. Sie sind ein wichtiger Baustein der Regionalisierung und der Teilhabe an der Werkstatt für ländliche Kultur. Zu jedem Jahresthema starten wir einen Aufruf an alle Interessierten im Oderbruch, sich mit eigenen Projekten in die Auseinandersetzung einzubringen. Dafür stellen wir aus unserem Museumshaushalt Fördermittel zur Verfügung. Der Programmbeirat diskutiert und entscheidet, welche Projektideen unterstützt werden sollen. So entstehen Wanderausstellungen, Kunstausstellungen, kleine Publikationen, neue Bauernlieder, Mitsingkonzerte, Dokumentationen und vieles mehr. Mit diesem Instrument gelingt es nicht nur, Partnerschaften zu knüpfen und einen respektvollen Austausch zu fördern, sondern eben auch die Fähigkeiten landschaftlicher Selbstbeschreibung zu stärken.

Über die Landwirtschaft wird im Oderbruch nun differenzierter und beziehungsreicher gesprochen als dies vorher der Fall war – dies berichten uns auch viele Landwirte. Dieser Erfolg motiviert alle Beteiligten sehr, ist für uns aber auch eine Verpflichtung, die Gesprächsfäden mit den Partnerinnen über die einzelnen Themenjahre hinaus zu pflegen. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, dass die Arbeit mit Jahresthemen nicht in einer Projektlogik gedacht, sondern als kontinuierliche Arbeit an der regionalen Selbstbeschreibung konzipiert und personell wie finanziell entsprechend ausgestattet ist.