Regionen

Eine Bühne für den Dialog
Christine Wingert

Die Kulturplattformen im TRAFO-Projekt Lernende Kulturregion Schwäbische Alb haben gezeigt, wie wichtig der Austausch zwischen Kulturschaffenden, Akteuren und Entscheidungsträgerinnen in Politik und Verwaltung, aber auch mit der regionalen Wirtschaft und den Medien ist. Auf solchen Dialogformaten können viele Fragen verhandelt werden: Welchen ländlichen Raum meinen wir überhaupt? Welches Kulturangebot wollen die Menschen dort? Wer sorgt für dieses Angebot und – wie Christine Wingert in ihrer Annäherung an regionale Kulturdialoge schreibt – wie sehen die Voraussetzungen für gute Arbeitsbedingungen aus?

Wie ist es um den Diskurs über Kultur in ländlichen Räumen bestellt? Spontan entstehen wohlmöglich vor dem geistigen Auge Bilder von Heimatstuben, Trachtengruppen, Laienchören und derbem Schwank auf der Amateurtheaterbühne. Werden solche Kulturformen nicht allzu häufig verbunden mit Unterhaltung und Rückständigkeit? Auf der Kulturplattform #5 der „Lernenden Kulturregion Schwäbische Alb“ im September 2020 brachte Gastgeber Stefan Hallmayer, Intendant des Theater Lindenhof in Burladingen-Melchingen, die Zuschreibungen auf den Punkt: „Aus Ackergäulen können keine Rennpferde werden“, so werde Theater auf dem Land immer noch beäugt. Und er stellte klar: „Wir arbeiten mit Laien, sind aber Profis. (…) Wir sitzen auf dem Land, wir versorgen es nicht.“ Das Programm TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel habe dazu beigetragen, die kulturpolitische Diskussion über Kultur in ländlichen Räumen auf breitere Schultern zu heben, so dass sich die Kulturschaffenden nicht als Einzelkämpfer zu fühlen bräuchten.

Mit diesen wenigen Sätzen sind einige zentrale Aspekte des kulturpolitischen Diskurses über die Förderung von Kultur in ländlichen Räumen angesprochen. Vom Beispiel der Kulturplattformen im TRAFO-Projekt „Lernende Kulturregion Schwäbische Alb“ ausgehend möchte ich einen Blick auf die Verständigung über Kultur in ländlichen Räumen werfen und regionale Dialogformate kulturpolitisch kontextualisieren.

Zentrale Fragen einer Kulturpolitik für ländliche Räume

Aufgerufen sind mit den Sätzen Stefan Hallmayers drei der vier folgenden Fragen, die es für die Entwicklung regional angepasster kulturpolitischer Strategien zu klären gilt: Welche Kulturformen werden in den Blick genommen? Wer sind die Akteure und das Publikum, die Menschen, die Kultur „auf dem Land“ machen und nutzen? Gerne wird auf das große ehrenamtliche Engagement in den Dörfern verwiesen, und dies völlig zu Recht. Aus einer regionalen Perspektive ist das jedoch nur ein Aspekt ländlicher Kulturarbeit, wie am Beispiel Theater Lindenhof ersichtlich, das seit 40 Jahren von Profis betrieben wird.

Dies wirft schon die zweite Frage auf, die mir wichtig ist: Über welche ländlichen Räume wird gesprochen? Die Diversität ländlicher Räume wird von den Wissenschaftsdisziplinen anhand unterschiedlicher Kriterien und Kriteriensets dargestellt, u.a. seitens des Thünen-Instituts, dem Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, https://www.landatlas.de/, vgl. auch Küpper 2016.1 Diese Frage bleibt meist ungeklärt. Beim TRAFO-Programm ist zumindest klar, dass es nicht um eine Mikroperspektive auf das Dorf geht, sondern um Regionen und damit in der Regel um die Verflechtungsräume von Landgemeinden, Klein- und Mittelstädten. Und diese Perspektive macht nicht einmal an den Grenzen von Großstädten halt.

Das kommt dem tatsächlichen Aktionsradius der Landbewohnerinnen näher und ruft zugleich die dritte Frage auf, nämlich die nach den kulturellen Formaten und Strategien: Welche kulturellen Bedürfnisse können über eine Mitversorgung der ländlichen Gemeinden durch die nächstgelegenen Zentren, zum Beispiel durch Landesbühnen oder Fahrbibliotheken, befriedigt werden? Welche Ziele, denken wir beispielsweise an diejenigen der Kulturellen Bildung, können nur mit wohnortnahen Angeboten erreicht werden?

Eine vierte Frage schließt sich hier nahtlos an, nämlich die nach den Zielen der Kulturpolitik für ländliche Räume, die idealerweise von den politischen Ebenen – den Kommunen, Kreisen und kommunalen Verbünden sowie den betreffenden Landesbehörden – gemeinsam mit den Kulturakteuren in einem kontinuierlichen Prozess verhandelt, geschärft und nachjustiert werden.

Kontext: konzeptbasierte Kulturpolitik

Diese argumentative Verkettung kulturpolitischer Fragen ist natürlich nicht neu; sie ist der Kern konzeptbasierter Kulturpolitik, die seit den 1970er Jahren als Neue Kulturpolitik ihre Wirkung entfaltet hat. Auch wenn Kulturpolitiker wie Hermann Glaser oder Hilmar Hoffmann dabei in erster Linie die Großstadtkultur(en) von Nürnberg oder Frankfurt am Main im Blick hatten, haben sie den Grundstein gelegt für die Erweiterung kulturpolitischer Handlungsfelder und ihrer sowohl kulturtheoretischen als auch gesellschaftspolitischen Begründung. So ist bis heute ein wesentliches Ziel von Kulturpolitik auf allen Ebenen, den Zugang zu Kunst und kultureller Eigentätigkeit für möglichst viele Bevölkerungsgruppen zu ermöglichen.

Diese Zielstellung gilt heute auch und besonders für Kultur in ländlichen Räumen, die von einer geringeren Stärke und Dichte an Akteuren und Infrastrukturen, zumeist in allen gesellschaftlichen Bereichen wie Bildung, Soziales, Handel oder Verkehr, geprägt sind. Die generell geringere infrastrukturelle Dichte hat Auswirkungen auf die Kultur, gar nicht nur negative, denn sie schafft auch Freiräume für produktive Kooperationen, Cross-over-Lösungen und bürgerschaftliches Engagement. Aber die Berücksichtigung der jeweiligen strukturellen Bedingungen für kulturelle Entwicklung macht Kulturpolitik in ländlichen Räumen und für ländliche Räume so komplex.

Regionale Dialogformate, wie die Kulturplattformen der „Lernenden Kulturregion Schwäbische Alb“, sind als eine Form von Governance-Instrumenten zeitgemäßer Kulturpolitik zu verstehen. Komplexe gesellschaftliche Problemlagen können nicht von staatlichen oder kommunalen Akteuren allein gelöst werden und das entspräche auch nicht dem heute gängigen Rollenverständnis des Staates, das sich spätestens seit den 1990er Jahren herausgebildet hat. Zum Thema Governance in der Regionalpolitik vgl. Fürst 2003 und in der Kulturpolitik vgl. Scheytt 2010.2 Die Beteiligung der Zivilgesellschaft, aber auch von Wirtschaft und Wissenschaft, wird in der Sozial-, Bildungs- oder der Regionalpolitik – bis in die europäischen Entscheidungsstrukturen hinein – seit Jahrzehnten praktiziert und weiterentwickelt. Dabei sind Austauschformate wie Regionalkonferenzen kein Selbstzweck, sondern Bausteine eines ergebnisorientierten Verständigungsprozesses über (kultur-)politische Ziele, Konzepte, Strategien und Handlungsoptionen.

Verschiedene Ausprägungen regionaler Kulturdialoge

Für regionale Dialogformate im Kulturbereich gibt es in der Bundesrepublik zahlreiche Beispiele (natürlich auch für Kulturforen auf lokaler Ebene, aber die stehen hier nicht im Fokus). Unterscheiden möchte ich vor allem zwei Formen: erstens temporäre Prozesse, die eine Serie unterschiedlicher Dialogformate umfassen, auf die Entwicklung von kulturpolitischen Leitlinien oder Kulturplanungen abzielen und womöglich nach einigen Jahren wiederholt werden, und zweitens regelmäßige, institutionalisierte Dialogformate. Während Erstere vielfach Teil von Kulturplanungsprozessen auf Landesebene, aber auch auf Kreisebene sind, werden die regelmäßigen Dialogformate vornehmlich seitens regionaler Organisationen, von Kreisen oder Kommunen organisiert und moderiert.

Gerade in jüngster Zeit haben einige Bundesländer dieses Partizipationsinstrument im Rahmen ihrer Kulturplanungen aufgegriffen, deren erste Ansätze mit der Neuen Kulturpolitik in den 1970er Jahren entstanden und seitdem in der ganzen Bundesrepublik von Städten, Kreisen und Ländern weiterentwickelt wurden. Zur Geschichte der Kulturplanung vgl. Föhl/Sievers 2013.3 Zwei der aktuellsten Beispiele sind der Leitlinienprozess in Mecklenburg-Vorpommern und der kulturpolitische Dialog in Baden-Württemberg, die beide 2020 abgeschlossen wurden. Informationen und Publikationen zum kulturpolitischen Dialog in Baden-Württemberg siehe https://mwk.baden-wuerttemberg.de/de/service/publikation/did/dialog-kulturpolitik-fuer-die-zukunft/ (letzter Zugriff: 27.2.2021) und zum Leitlinienprozess in Mecklenburg-Vorpommern siehe https://www.kultur-mv.de/kultur-politik/leitlinien.html (letzter Zugriff: 27.2.2021).4 Initiiert vom Kunstministerium fanden ab Sommer 2018 in Baden-Württemberg 14 Dialogveranstaltungen an acht verschiedenen Orten statt. Während dieser Dialog auf eine Verständigung zwischen Kulturschaffenden mit Akteuren und Entscheidungsträgerinnen in Politik und Verwaltung abzielte, wurde im Rahmen des Leitlinienprozesses in Mecklenburg-Vorpommern der Kreis der Beteiligten bei den vier Regionalkonferenzen, die 2019 zusätzlich zu landesweiten Veranstaltungen stattfanden, neben denjenigen aus Kultur, Politik und Verwaltung auf die Bereiche Kirche, Tourismus, Wirtschaft und Medien ausgeweitet.

Die Palette der mit den Regionalkonferenzen aufgerufenen Themenfelder zeigt den aktuellen Diskussionsbedarf: Es geht um Strategien der Transformation, um neue gesellschaftliche Bündnisse und um Kultur in ländlichen Räumen oder konkreter: um Digitalisierung, Kulturförderung und Kulturfinanzierung, kulturelle Bildung und Teilhabe oder Qualität und Qualifikation in der Kulturarbeit. Um den regionalen Besonderheiten – gerade in den großen Flächenländern – gerecht zu werden und eine größere Nähe zu den Kulturakteure und Entscheidungsträgern zu erreichen, müssen diese Themen in Teilräumen verhandelt werden.

Ziele und Wert regionaler Dialogplattformen

Nicht selten erwächst aus Kulturplanungsprozessen die Erkenntnis, dass diese kulturpolitischen Dialoge auf Dauer gestellt werden sollten, womit wir bei der zweiten Kategorie regionaler Dialogformate sind. Auch für regelmäßige beteiligungsorientierte Dialogforen gibt es zahlreiche Beispiele. Eine gewisse Tradition hat beispielsweise die Westfälische Kulturkonferenz, die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe seit 2011 alljährlich zu wechselnden Themen durchführt. Informationen zur Westfälischen Kulturkonferenz des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe siehe https://kulturkontakt-westfalen.de/informieren/westfaelische-kulturkonferenz/ (letzter Zugriff: 27.2.2021).5 Wie die Kulturplattformen auf der Schwäbischen Alb richtet sich die Westfälische Kulturkonferenz an Künstlerinnen, Kulturschaffende und Kulturveranstalter, an Vereine, Verbände und andere Netzwerke, an interessierte Bürgerinnen, an Förderer und Entscheidungsträgerinnen in Politik und Verwaltung.

Themenbezogen sollen damit Impulse für die Kulturentwicklung in der Region und gleichermaßen für die alltägliche Kulturarbeit vor Ort gesetzt werden. Regionale Kulturdialoge erfüllen vielfältige Funktionen, die gerade für Kultur in ländlichen Räumen von besonderem Wert sind. So trivial es erscheint, ein wesentlicher Nutzen regionaler Kulturkonferenzen ist das gegenseitige Kennenlernen zwischen den Kulturakteuren in der Region. Das gilt besonders, wenn es gelingt, die Bandbreite zwischen öffentlichen Kultureinrichtungen und der freien Szene, in den diversen Trägermodellen von gemeinnützig bis kommerziell und Mischformen, einzubeziehen. Ihre unterschiedlichen Kulturangebote, Produktionsbedingungen, Vermittlungsansätze und Entwicklungsperspektiven bieten reichlich Stoff für den Erfahrungsaustausch.

Gerade in ländlichen Gebieten ist es nicht leicht, mediale Aufmerksamkeit zu erreichen, umso interessanter ist es für Kulturakteure, im qualifizierten Kontext von Kulturkonferenzen sichtbar zu sein. So wichtig allein schon die gegenseitige Wahrnehmung der Kulturschaffenden ist, aus der Kollaborationen und Vernetzung über die Konferenz hinaus entstehen können, so nützlich ist auch die Präsentation konkreter Kulturarbeit und künstlerischer Projekte im Kontext kulturpolitischer Themenstellungen und vor einem Fachpublikum einschließlich Vertreterinnen von Förderern, von Politik und Verwaltung. So ist die Einladung zu einer Kulturkonferenz bereits eine Form der Wertschätzung. Zudem können diese Präsentationen, wie im Eingangszitat von Stefan Hallmayer angedeutet, so manches schiefe Bild von Kultur in ländlichen Räumen geraderücken und sie bieten – im wahrsten Sinne des Wortes – eine Bühne für die weitergehende Debatte über eine bedarfsorientierte Kulturpolitik.

Professionelle Ansprechpartnerinnen für die regionale Kulturarbeit

Zuletzt ist mir eines wichtig: Für diese Dialogprozesse braucht es Initiatoren, Motoren und eine professionelle Moderation. Dies ist eine vordringliche Aufgabe öffentlicher Kulturpolitik, insbesondere auf kommunaler und regionaler Ebene. In sehr ländlichen Regionen übernehmen zunehmend Kreisverwaltungen diese Funktion und richten Stellen für Kulturmanagerinnen ein, wie beispielsweise 2014 der ostwestfälische Kreis Höxter oder 2015 der Landkreis Peine in Niedersachsen. Beide Stellen sind übrigens hervorgegangen aus regionalen Kulturentwicklungsprozessen.

Es ist daher sehr zu hoffen, dass das Pilotprojekt „Regionalmanager/in Kultur“ der „Lernenden Kulturregion Schwäbische Alb“ in den fünf ausgewählten Landkreisen Baden-Württembergs nach Auslaufen der Förderung durch das TRAFO-Programm sowie das baden-württembergische Kunstministerium 2023 auf Dauer gestellt wird. Denn neben der fachlichen Beratung und organisatorischen Unterstützung regionaler Kulturschaffender ist eine Aufgabe der neuen Netzwerkerinnen die Ausrichtung von regionalen Kulturkonferenzen.

Literatur

Föhl, Patrick S./Sievers, Norbert (2013): „Kulturentwicklungsplanung. Zur Renaissance eines alten Themas der Neuen Kulturpolitik“, in: Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft (Hrsg.) (2013): Jahrbuch für Kulturpolitik 2013. Thema: Kulturpolitik und Planung, Essen: Klartext, S. 63–82

Fürst, Dietrich (2003): „Steuerung auf regionaler Ebene versus Regional Governance“, in: Informationen zur Raumentwicklung, Heft 8/9.2003, S. 441–450

Glaser, Hermann/Stahl, Karl Heinz (1983): Bürgerrecht Kultur, aktualisierte und erweiterte Ausgabe, Frankfurt am Main/Berlin/Wien: Ullstein

Hoffmann, Hilmar (1974): Kultur für alle. Perspektiven und Modelle, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuchverlag

Küpper, Patrick (2016): Abgrenzung und Typisierung ländlicher Räume, Thünen Working Paper 68, Braunschweig: Johann Heinrich von Thünen-Institut

Scheytt, Oliver (2010): „Pflichtaufgabe, Grundversorgung, Infrastruktur: Begründungsmodelle der Kulturpolitik“, in: Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft (Hrsg.) (2010): Jahrbuch für Kulturpolitik 2010. Thema: Kulturelle Infrastruktur, Essen: Klartext