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Auch die schönste Idee braucht Verträge
Interview mit Dietger Wille

Ein Ziel von TRAFO ist es, Allianzen aus Kultur, Politik und Verwaltung zu bilden, die den Wandel der kulturellen Infrastruktur einer Region unterstützen können. Dabei geht es um eine dauerhafte Zusammenarbeit von Kulturakteuren, politischen Entscheidungsträgern, Vertreterinnen lokaler und regionaler Verwaltungen sowie weiteren Akteuren der Region aus sozialen Projekten, der Bildung, der Regionalentwicklung oder dem Tourismus. TRAFO unterstützt daher gezielt den Aufbau entsprechender Gremien und Netzwerke. Im Interview berichtet Dietger Wille, Beigeordneter und 2. Stellvertreter des Landrates im Landkreis Vorpommern-Greifswald, über die Arbeit des Lenkungskreises im TRAFO-Projekt Kulturlandbüro Uecker-Randow, das Positive an Routinen, seine temporäre Rolle als Spielverderber und die Freude am Gelingen.

Lieber Herr Wille, als Beigeordneter und 2. Stellvertreter des Landrats im Landkreis Vorpommern-Greifswald nehmen Sie sich außergewöhnlich viel Zeit für das Projekt „Kulturlandbüro Uecker-Randow“. Was ist Ihre persönliche Motivation?
Dietger Wille: Mein Gefühl ist, dass wir mit Kultur viel für unseren Landkreis erreichen können. Seit ich 2016 hier angefangen habe, bewegt mich die Frage, was wir gegen das negative Selbstbild, das viele Menschen bei uns haben, tun können. Klar, wir sind eine strukturschwache Region und wir haben in der Vergangenheit viel bei den Ausgaben gespart, aber wir brauchen eine positive Grundstimmung, ein neues, ein optimistisches Bild von uns selbst. Da gibt mir dieses Projekt Hoffnung.

Welche Chancen sieht der Landkreis in der außergewöhnlichen Entscheidung, gemeinsam mit dem freien Träger Schloss Bröllin e.V. ein Kulturlandbüro einzurichten, das sich um die Kulturentwicklung und Vernetzung der Akteure in der Region kümmert?
Wille: Schloss Bröllin ist sehr erfolgreich darin, immer wieder neue Wege einzuschlagen. Wenn wir in unserer Region einen Aufbruchsgeist schaffen wollen, dann sind die Menschen dort genau die richtigen, um ein Kulturlandbüro als ein Instrument zu etablieren, das Kultur neu möglich macht. Wir wollen mit Bröllin die Tür zur Welt aufstoßen und gleichzeitig von uns als Region selbst etwas zeigen. Das Kulturlandbüro ist dafür wichtig, weil es der Anlaufpunkt für die vielen kulturell Aktiven, die Kultureinrichtungen und die Bürgermeister in der Region sein soll.

Welche Aufgaben übernimmt der Landkreis in diesem Kulturlandbüro?
Wille: Wir haben eine Kollegin aus unserer Landkreisverwaltung mit der Hälfte ihrer Arbeitszeit für die Mitarbeit im Kulturlandbüro freigestellt. Ihre Aufgabe besteht vor allem in der Vernetzung. Bei welchen Anliegen von Kulturakteuren können wir Kontakte zu Bürgermeistern herstellen? Kommen die Belange der Akteure in den Strategien unserer regionalen Kulturentwicklung vor? Bei welchen Wünschen können wir unsere Drähte zur Landesregierung nutzen? Das sind Fragen, mit denen wir uns beschäftigen.

Kann es gut gehen, wenn eine Kreisverwaltung mit ihren Routinen und Logiken gemeinsam mit Kulturakteuren die Einrichtung eines Kulturbüros betreibt und sich gemeinsam um die regionale Kulturarbeit kümmert?
Wille: Unbedingt. Weil diese Routinen und Logiken auch Qualitäten haben. Zum Beispiel, wenn man Ideen einmal straff zusammenbinden muss. Wenn man darauf achtet, dass es eine gewisse Transparenz gibt. Es ist manchmal auch meine Aufgabe, den Spielverderber zu geben, und darauf hinzuweisen, dass es auch für die schönste Idee Verträge braucht.

Ein Erfolgsindikator in Ihrem Projekt ist es, dass Sie von Beginn an eine breite Allianz an Unterstützerinnen und Begleitern für Ihr Vorhaben aufgebaut haben. Daraus ist auch ein festes Gremium entstanden, der Lenkungskreis, den Sie leiten und der sich sehr regelmäßig trifft. Warum braucht es so ein Gremium und wer ist in Uecker-Randow Mitglied dieses Gremiums?
Wille: Darin ist zum Beispiel die Bürgermeisterin von Pasewalk, die gerade auch Kreistagspräsidentin ist, Mitglied. Oder der Vorsitzende der Sparkassen, ein Vertreter des Landes, die Museumsleiterin in Pasewalk, aber auch das TRAFO-Programmbüro. Der Lenkungskreis umfasst also ein breites Spektrum von Menschen, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln die Ideen und Vorhaben bewerten und fördern können. Er versteht sich als ein Ort der Impulse aufnimmt, Kulturvertretern zuhört, sie berät, und insofern auch wieder nach außen wirkt. Er sagt dabei nicht, wo es langgeht, sondern achtet darauf, dass grob die Grundsätze eingehalten werden, auf die wir uns auch in der Zusammenarbeit mit Schloss Bröllin verständigt haben: die Kultur und Gesellschaft im Landkreis auf eine ungewöhnliche und nachhaltige Art und Weise zu fördern.

Den Verwaltungen wird manchmal nachgesagt, sie wolle Gremien leiten, um die Kontrolle über die Vorgänge und die Entscheidungen zu behalten. Im besten Fall jedoch entwickelt sich eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe, innerhalb derer die Verwaltung alle Beteiligten entlastet, indem sie koordinatorische Aufgaben übernimmt. Was sind die Hoffnungen und Ziele, die Sie mit diesem Lenkungskreis verbinden?
Wille: Kontrolle ist kein Selbstzweck. Tatsächlich sind die Ansprache und Aussprache auf Augenhöhe entscheidend. Meine Hoffnung ist vor allem die, dass wir als Landkreis lernen, was Kultur heute sein kann und was Kulturakteure brauchen. Ich habe das Gefühl, ich muss dabei sein, um es zu verstehen. Dann haben wir die Chance, dass aus dem zeitlich begrenzten TRAFO-Projekt etwas entsteht, was auch nach dem Ende der Förderung trägt.

Sie leiten im Landkreis das Dezernat Finanzen, Personal, Sicherheit, Ordnung und Bildung, zu dem auch das Amt für Kultur zählt. Wie profitiert Ihr Kulturamt von der gemeinsamen Arbeit im Kulturlandbüro?
Wille: Die Kultur muss durch die Verwaltung neu gesehen werden. Und die Kultur gewinnt hoffentlich ein besseres Verständnis von der Verwaltung. Meine Erfahrung ist, da wo Vertrauen wächst, können Projekte viel besser realisiert werden.

Und wie profitieren Sie als Dezernatsleiter von der Arbeit im Lenkungskreis?
Wille: Das klingt jetzt vielleicht ein wenig kitschig, aber die Arbeit ist enorm befriedigend, weil sie unmittelbarer ist. Es ist schön zu sehen, wenn etwa ein Festival Erfolg hat, zu dem vor ein paar Monaten erst die Idee geboren wurde. Die Atmosphäre im Lenkungsausschuss sorgt bei mir für ein positives Arbeitsgefühl. Das ist als Dezernatsleiter – salopp gesagt – nicht jeden Tag der Fall.