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Leerstände, Brachen, Schlösser – Welche Freiräume braucht es, damit Jugendliche Verantwortung übernehmen können?

Die fünfte Ideenreise führte uns am 23. und 24. März 2023 nach Sachsen und fand in Kooperation mit dem Programm „Neulandgewinner" statt. Im Mittelpunkt der Reise stand die Frage, welche Freiräume es braucht, damit junge Menschen selbst Verantwortung übernehmen können. Mit über 30 Interessierten besuchten wir das Dorf der Jugend in der Alten Spitzenfabrik und die Kinderkulturwerkstatt des Freundeskreis Buchkinder e. V. – die Eichhörner AG in Grimma sowie das Schweizerhaus Püchau, die „ALM“ und den „LADEN“ des Schweizerhaus Püchau e. V. in Wurzen.

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„Das Dorf der Jugend ist ein alternatives Angebot für Jugendliche in Grimma. Hier können Utopien und Träume verwirklicht werden, für die es sonst in der Stadt keinen Platz gibt.“
Sarah Schröder, Between the Lines gGmbH

Wir wurden zum Auftakt der Reise herzlich in der Kinderkulturwerkstatt in Grimma empfangen und von TRAFO-Programmleiter Samo Darian, Amtsleiterin für Schulen, Soziales und Kultur der Stadt Grimma, Frau Jana Kutscher, sowie von Babette Scurrell, Vorständin Neuland gewinnen e.V. begrüßt. In der anschließenden Vorstellungsrunde der Teilnehmenden dieser Reise zeigte sich, dass Freiräume für Jugendliche ein Spannungsfeld erzeugen. Auf der einen Seite entstehen in diesen Räumen tolle Ideen und Energie auf der anderen Seite fühlen sich Menschen in ihren Routinen und ihrem Alltag gestört. Wer Freiräume für Kinder und Jugendliche einfordert erhält viel Anerkennung und muss gleichzeitig mit Widerständen rechnen.

Auf dem Spaziergang zum „Dorf der Jugend“ in der Alten Spitzenfabrik in Grimma stellte Sozialarbeiter und Geschäftsführer der Between the Lines gGmbH, Tobias Burdukat und Sarah Schröder sowie weitere engagierte junge Menschen den selbstverwalteten Ort mit großer Freifläche und alten Industriegebäuden am Ufer der Mulde vor. Hier setzen Jugendliche seit 2015 eigene Veranstaltungen und Projekte um. Bundesweit wird das „Dorf der Jugend“ als Vorzeigeprojekt mit großer Wirkung gefeiert, lokal vor Ort kämpfen die Akteure seit vielen Jahren mit Beschwerden von Anwohnenden, Angriffen von rechts, Auflagen und politischem Gegenwind. Die Streichung der Stelle der Sozialpädagogin erschwert die kontinuierliche Arbeit mit den Jugendlichen. Umso beeindruckender war es für alle Ideenreisen-Teilnehmenden zu sehen, mit wie viel Engagement und Leidenschaft die Aktiven, die sich seit ihrer Jugend für diesen Ort einsetzen, trotz allem weitermachen.

„Ohne Fantasie geht eigentlich fast gar nichts – würde ich sagen.“
Mara, 9, Eichhörner AG des Freundeskreis Buchkinder e.V.

Seit 2017 ist der Verein Freundeskreis Buchkinder e.V. mit seinem pädagogischen Konzept, das Kinder ermutigt ihre eigenen Bücher zu schreiben und zu illustrieren auch im ländlichen Raum unterwegs. Als mobiles Angebot machte der Verein mit einer Druckpresse Station an Kindergärten und Schulen und entwickelte über ein halbes Jahr mit den Kindern Geschichten, die zum Abschluss als gebundenes Buch erscheinen. Dem pädagogischen Ansatz folgend, werden die Texte der Kinder nicht korrigiert. Stattdessen werden junge Menschen ausdrücklich darin unterstützt, in Bild und Schrift ihren eigenen Ausdruck zu finden. Dieser kreative Freiraum der Kinder und Jugendlichen kollidiert regelmäßig mit pädagogischen Ansätzen der Schulen. Daher entstand der Bedarf nach einem festen Ort, wo Kinder zusammenkommen und außerhalb der Schule regelmäßig zusammenarbeiten können. Diesen Ort hat der Verein im Stadtgut in Grimma gefunden, berichten Neulandgewinnerin Liv Hanson und Rulo Lange vom Verein. In der Kinderkulturwerkstatt können sich Kinder über die ganze Woche treffen, um frei an ihren künstlerischen Projekten zu arbeiten. Neben Büchern entstehen auch Fotoprojekte, Filme und Keramikarbeiten. Die Ergebnisse werden dann in einem leerstehenden Ladenlokal in der Innenstadt ausgestellt oder auf Lesungen von den Kindern selbst vorgestellt. Auf unserer Ideenreise waren auch drei begeisterte „Eichhörner“ dabei, die Einblick in ihre Geschichten gegeben haben und sich von nichts und niemandem aufhalten lassen würden, um ihre Arbeit im Stadtgut weiterzumachen.

Am zweiten Tag der Ideenreise wurden wir von Leonore Kaspar, Vorsitzende des Vereins „Schweizerhaus Püchau“ vor dem gleichnamigen Gebäude empfangen. Das Schweizerhaus ist Teil des Schlossensembles Püchau, das sich in Privatbesitz befindet und für Hochzeiten und Veranstaltungen genutzt wird. Der Verein erwarb das seit vielen Jahren leerstehende Schweizerhaus für einen symbolischen Euro und will dort über die nächsten Jahre generationsübergreifend und gemeinsam mit Anwohnenden sowie Künstlerinnen und Künstlern einen soziokulturellen Ort entwickeln. Da das Gebäude stark sanierungsbedürftig ist, führte uns die weitere Reise in die Alte Leuchtenfabrik „ALM“ und den „LADEN“, den der Verein in Wurzen betreibt. Nach einem Rundgang durch die eindrucksvolle Ausstellung junger Geflüchteter in der „ALM“ berichtete Leonore Kasper über ihre Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und wie es gelingen kann, das Vertrauen der Anwohnenden zu gewinnen.

Vonseiten der Bevölkerung gab es insbesondere im Hinblick auf den „LADEN“ – ein offenes Atelier in einem leerstehenden Ladenlokal - zu Beginn auch Skepsis. Ein derartiges Angebot das nichts kostet, hätte erst einmal Viele misstrauisch gemacht. Doch dass sich ein langer Atem, der direkte Austausch mit den Anwohnenden und eine kontinuierliche Arbeit vor Ort auszahlen, beweist der Erfolg des Vereins „Schweizerhaus Püchau“. Das offene Atelier wird mittlerweile von vielen unterschiedlichen Gruppen in Wurzen genutzt und gemeinsam mit Jugendlichen und älteren Generationen entstehen jedes Jahr partizipative Kunstprojekte, die ihre Strahlkraft in die ganze Region entfalten.

Angestoßen durch diese Erfahrung, wurde zum Abschluss der TRAFO-Ideenreise darüber diskutiert, welche besonderen Herausforderungen die Kulturarbeit in ländlichen Räumen mit sich bringt, wenn Projektaktive selbst nicht aus dem Ort kommen an dem sie wirken. Auf eine Sache konnten sich alle einigen: Neugierig und offen an die Menschen heranzutreten, von dem Ort selbst, seiner Geschichte und seinen Bewohnerinnen zu lernen, ist die beste Voraussetzung.

Mehr zu den besuchten Orten: 

Dorf der Jugend 
Kinderkulturwerkstatt im Stadtgut Grimma
Schweizerhaus Püchau e.V.

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