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Vortrag: Kulturarbeit im ländlichen Raum

Eröffnet wurde die Akademie mit einem Gastvortrag von Dr. Doreen Götzky, Leiterin des Kreismuseums Peine, mit einer Standortbestimmung der Kulturarbeit in ländlichen Räumen.

Der gesamte Vortrag „Kulturarbeit in ländlichen Räumen: Zwischen Unmittelbarkeit und Imageproblem“ von Doreen Götzky kann hier als pdf heruntergeladen werden.

 

Kulturarbeit in ländlichen Räumen: Zwischen Unmittelbarkeit und Imageproblem

Von Doreen Götzky

 

Meine Damen und Herren,

wie schon erwähnt komme ich aus Hildesheim. Ganz in der Nähe gibt es einen Ort, der heißt Derneburg und dort hat bis vor ca. zehn Jahren der Maler Georg Baselitz im Schloss gewohnt und gearbeitet. Baselitz hat diesen 600-Einwohner-Ort verlassen, weil es ihm zu dort laut wurde. Zu laut war ein einmalig stattfindendes Kulturfest mit regionalen Kulturschaffenden. Die dort auftretende Musikband machte seiner Ansicht nach nur Lärm und keine Musik (ich war damals Augen- und Ohrenzeuge der Auseinandersetzung) - deshalb verließ er den Ort nach über 30 Jahren, so zumindest die offizielle Version. Sein Schloss hat der amerikanische Investmentbanker und Kunstsammler Andrew Hall gekauft und fast zehn Jahre lang umgebaut zu einem Museum.

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Dieses Museum bekommt aktuell Beachtung in den überregionalen Feuilletons und ich möchte Ihnen einen kleinen Ausschnitt aus der ZEIT vom 13. Juli 2017, geschrieben von Maximilian Probst, vorlesen: „Um Derneburg ranken sich in kunstinteressierten Kreisen seit Langem die Mythen. Einst ein Kloster, das auf das 13. Jahrhundert zurückgeht, wurde es im 19. Jahrhundert zu einem Schloss umgebaut, das sich mit seinem neugotischen Tudorstil und einem Pagodendach nicht in die triste niedersächsische Provinz einfügen will, inmitten der es liegt.“

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Warum rede ich so ausführlich über ein kleines Dorf in einer Metropolregion, das im Feuilleton eines deutschen Leitmediums in einem Halbsatz Erwähnung fand? Weil sich an der Art der Erwähnung einiges über das Verhältnis von Kunst und ländlichem Raum ablesen lässt. Meiner Ansicht nach betont der Autor eine Tristesse und Provinzialität, weil er sich eines Klischees bedient. Dieses lässt im Umkehrschluss das Unterfangen des Multimillionärs Andrew Hall, in diese triste Provinz große Kunst zu bringen, umso heroischer erscheinen. Es geht also beim Reden über Kunst, Kultur und den ländlichen Raum auch immer um die Art wie wir das tun. Es geht um das sogenannte Framing. Framing bedeutet, welcher Wahrnehmungsrahmen wird in unserem Gehirn aufgerufen, wenn von Derneburg als trister niedersächsischen Provinz gesprochen wird, in dem es große Kunst zu sehen gibt oder ob die Kunst in Derneburg zu finden ist, einem Ort in landschaftlich reizvoller Umgebung, mit guter Verkehrsinfrastruktur mitten in der Metropolregion Hannover, Braunschweig, Göttingen. Der Anfang der Story über den Kunststempel von Andrew Hall wäre nicht mehr so spannend. Mit dem Begriff des Kunsttempels bediene ich mich natürlich auch eines Frames – aus dramaturgischen Gründen möchte ich an dieser Stelle die Kluft zwischen dem Land und der Kunst noch möglichst tief erscheinen lassen.

Vorstellungen vom ländlichen Raum sind zum einen noch immer geprägt von romantisch-nostalgischen Klischees in Bezug auf Gemeinschaft und Naturerfahrung, zum anderen wird das Landleben gleichzeitig mit Attributen wie rückständig und langweilig assoziiert. Hinzukommt, dass ländliche Räume zunehmend mit abgehängt und strukturschwach gleichgesetzt werden. Diese im kollektiven urbanen Bewusstsein verankerte Vorstellung hat wenig mit der Vielfalt ländlicher Räume in Deutschland zu tun. So haben Gemeinden im Umland größerer Städte oder in Ballungsgebieten andere Kennzeichen und sind mit anderen Entwicklungen und Perspektiven konfrontiert, als ländliche Gemeinden in peripheren Räumen. Verwundert reibt man sich die Augen, wenn in Rankings zu dem Thema Wirtschaftskraft nicht etwa bekannte Metropolen die vordersten Plätze belegen, sondern dort Namen wie Ebersberg, Heilbronn, Tuttlingen oder der hessische Lahn-Dill-Kreis ganz oben zu finden sind. Anders als in Ländern mit einer langen Tradition des Zentralismus wie z.B. Frankreich, hat die späte Nationalstaatsbildung und unser föderales System dafür gesorgt, dass wir viele funktionierende ländliche Räume gerade im Süden und Westen Deutschlands haben. Aber auch viele andere – wo die verfassungsmäßig garantierte Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse schon seit geraumer Zeit nicht mehr hergestellt werden kann.

Es gibt ihn also nicht, DEN ländlichen Raum. Was einen Raum zu einem ländlichen Raum macht, diese Definition ist gesellschaftlichen Entwicklungen und sich ändernden politischen Leitvorstellungen unterworfen.

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