Ideenkongress

Sprechende Dinge

Die Künstlerin Antje Schiffers beschäftigt sich seit 20 Jahren mit dem ländlichen Raum und den Bildern, die wir uns von ihm machen, in- und außerhalb Europas. TRAFO hat Antje Schiffers eingeladen, dem Ideenkongress eine künstlerische Form zu geben. Sie bereiste in den vergangenen Monaten die vier TRAFO-Modellregionen und traf dort Vertreter von Kultureinrichtungen, aus der Politik, von Unternehmen, aus der Landwirtschaft. Aus diesen Begegnungen legt sie einen Fundus aus Objekten an, den sie beim Ideenkongress präsentiert. Die Objekte geben Einblick in die kulturelle Arbeit vor Ort. Beim TRAFO-Ideenkongress werden die Expertinnen aus den TRAFO-Regionen bei regelmäßigen Führungen durch den Fundus erzählen, wofür die Gegenstände stehen und was sie mit ihrer Arbeit zu tun haben.

Liebe Antje Schiffers, Sie legen für den Ideenkongress einen Fundus mit Gegenständen an, die Ihnen bei vielen Gesprächen mit Kulturakteuren in den TRAFO-Regionen begegnet sind. Was ist die Idee hinter dem Fundus?

Antje Schiffers: Der Fundus spielt auf einer konkreten und sinnlichen Ebene. Ich bin in die TRAFO-Regionen gereist, um mit denen, die dort die Kulturinstitutionen tragen, Objekte auszuwählen, mit denen sich eine Geschichte erzählen lässt – über zeitgenössische ländliche Kultur und die Herausforderungen ihrer Arbeit. In diesem Sinne soll der Fundus ein Stichwortgeber sein. Ein Beispiel: Die Kuratorin des Federseemuseums hat eine Scherbe aus der Jungsteinzeit und einen Stapel Pappteller für den Fundus beigesteuert. Wie bringt man eine Scherbe zum Sprechen? Muss man daraus ein Event machen und einen keltischen Schweinebraten anbieten, um den Besuchern Geschichte nahezubringen? Oder geht es auch ruhiger? Wie authentisch will man sein?

Die Regionen, die Sie besucht haben, sind sehr unterschiedlich. Gibt es dennoch Verbindendes zwischen dem Saarland und dem Oderbruch? Und was trennt die Verhältnisse im Harz von denen auf der Schwäbischen Alb?

Schiffers: Der Fundus ist nicht nach den Regionen unterteilt. Was eine Institution will, wofür sie steht, das ist viel entscheidender. Das Museum in Altranft will beispielsweise mit der Bevölkerung die Landschaft beschreiben und wie sie das Leben im Oderbruch prägt. Im Jacobson-Haus in Seesen geht es um den individuellen Zugang zur Kultur. Und die Opernfestspiele in Heidenheim können sagen: Nötig sind wir vielleicht nicht, aber toll! Beim Ideenkongress führen die Experten aus den Regionen, die ich besucht habe, durch den Fundus. Jeder erzählt von allem, nicht nur von seiner Institution und der Gegend, aus der er kommt; wir versuchen, unsere Fragen und Geschichten zu teilen. Jeder wird andere Verbindungen ziehen und Schwerpunkte setzen, jede Führung wird anders.

Ihre künstlerische Herangehensweise an die ländlichen Räume wird beim Ideenkongress zu sehen sein. Was erwartet die Teilnehmer im September in Halle an der Saale?

Schiffers: Der Fundus der Objekte lagert in einem Regal, stets zugänglich, aber stumm. Alle zwei Stunden wird er in einer Führung zum Leben erweckt. Dann gibt es noch die Kulissen. Das sind gemalte Prospekte, 3 x 4 Meter groß; die Vortragenden können sich aus einem Fundus von 20 Kulissen das Bild aussuchen, vor dem sie dann sprechen werden – noch ein Fundus für TRAFO. Die Kulissen zeigen zeitgenössische Bilder vom Land: ein Industriegebiet, einen Gang im Landratsamt, Wald, Feld, den Schulbus, ein griechisches Restaurant. Ich bin gespannt, welche Bilder die Sprecherinnen aussuchen werden, und ob es Prospekte gibt, die keiner mag.

 

Zur Person: Antje Schiffers ist Bildende Künstlerin. Sie hat langfristige Projekte zur Produktion im ländlichen Raum umgesetzt, etwa Ich bin gerne Bauer und möchte es auch gerne bleiben (seit 2000), Vorratskammer (2010/11), International Village Shop (seit 2007). 2003 hat sie die Künstlerinitiative Myvillages mit Kathrin Böhm (GB) und Wapke Feenstra (NL) gegründet. Ausstellungen von ihr wurden u.a. in der Secession in Wien, im Sprengel Museum Hannover, im ZKM Karlsruhe, im Kunstmuseum Thun in der Schweiz, im Haus der Kulturen der Welt und im Hamburger Bahnhof in Berlin, im TENT in Rotterdam, im Skirball Museum in Los Angeles, im CAAC in Sevilla, im MUSAC in León, bei der Frieze London, der 6. Moskau Biennale, in der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig, im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen sowie im Ludwig Museum in Budapest gezeigt.