Ideenkongress

Stärkung demokratischer Kulturen

Viele Kultureinrichtungen in ländlichen Regionen sehen sich mit gesellschaftlichen Veränderungsprozessen konfrontiert, darunter auch mit populistischen Tendenzen. Wir haben mit Benno Plassmann vom Institut für Neue Soziale Plastik gesprochen und ihn gefragt, wie die Kultureinrichtungen damit umgehen und was es braucht, um demokratische Werte zu stärken.
 

Lieber Herr Plassmann, vor welche Herausforderungen stellen Intoleranz, Fremdenhass, Rechtsextremismus die Kultureinrichtungen in kleinen Städten und Dörfern? Was sind Ihre Erfahrungen?

Benno Plassmann: Alle Kultureinrichtungen, egal ob auf dem Land oder in der Stadt, stehen in diesem Zusammenhang vor zwei grundsätzlichen Herausforderungen: Erstens müssen menschenfeindliche, diskriminierende Strategien erkannt und bekämpft werden. Rechtspopulistische Gruppen räumen kultureller Arbeit üblicherweise einen hohen Stellenwert ein und nutzen solche ‚weichen‘ Themen als effektive Form der Unterwanderung – sowohl im lokalen Raum als auch überregional. Zweitens müssen demokratische Gruppen als Alliierte gewonnen und ihre Themen gesellschaftlich gestärkt werden. Die besondere Herausforderung in kleinen Städten und Dörfern ist dabei allerdings, dass die sozialen Netzwerke, die Nachbarschaften ‚näher dran‘ sind und eine Positionierung oft schwerer fällt. Ich kenne einen ländlichen Kulturort, der regelmäßig einen Reichsbürger bei Veranstaltungen zu Gast hat. Der kann da in aller Ruhe seine Netzwerke pflegen. Die Verantwortlichen haben „der Nachbarschaft wegen“ freundschaftlichen Umgang mit ihm gepflegt und seine Aktivitäten werden als „Spinnereien“ verharmlost.

Sie sagen, dass die kulturellen Einrichtungen auf dem Land wichtige Orte sind, um kulturelle Menschenrechte und demokratische Werte zu stärken. Mit Blick auf Ihre Arbeit: Was braucht es, damit die Kulturorte, die ländlichen Museen, Büchereien oder Theater den oben beschriebenen Aufgaben gerecht werden können?

Plassmann: Zur Förderung demokratischer Kultur hilft die Entwicklung eines demokratischen Leitbildes für die Institution. Solch ein Diskussions- und Lernprozess dient der Verbesserung der internen Umgangsformen, der Vergewisserung über die Grundlagen der Arbeit und ist schließlich die Basis einer öffentlichen demokratischen Positionierung. Parallel zu solch einem internen Prozess ist die Öffnung nach außen wichtig. Diese sollte sich an Personen und Initiativen wenden, die gesellschaftlich weniger beachtete, marginalisierte oder gar diskriminierte Perspektiven vertreten. Konzeptionell kann dies auch als Diversitätsförderung beschrieben werden. Ganz praktisch ist es aber oft genug schon ein echtes Angebot an marginalisierte Gruppen, wenn sie Räumlichkeiten von Kultureinrichtungen für Treffen nutzen können. Daraus ergeben sich häufig wie ‚von selbst‘ Anknüpfungspunkte für kooperative Arbeit. Bezüglich der anderen grundlegenden Herausforderung ist es schon so, dass es zum Erkennen rechtsextremer oder rechtspopulistischer Strategien oft genug Fortbildungen mit Experten bedarf; nicht alle Kulturschaffenden sind da ‚automatisch‘ fit auf dem Feld. Auch die Bereitschaft, nötigenfalls mit dem bereits beschriebenen ‚Nachbarschaftseffekt‘ zu brechen, ist wichtig und offen zu sein gegenüber Personen in der Region, die sich langfristig mit menschenfeindlichen Strömungen auseinandersetzen.

Können Sie uns Beispiele geben, wo diese Arbeit bereits besonders gut umgesetzt wird?

Plassmann: Ein besonders gutes Beispiel für eine gelungene kulturelle Arbeit zur Stärkung demokratischer Kultur ist die Arbeit des Exil e.V. im brandenburgischen Eberswalde. In einem ehemaligen Außenlager des KZ Ravensbrück hat sich dort aus einer Initiative lokaler Punker heraus über die vergangenen 20 Jahre ein Ort entwickelt, in dem partizipatives Theater gemacht und gezeigt wird, in dem Konzerte und Diskussionen stattfinden und der im Rahmen der Auseinandersetzungen rund um menschenfeindliche und anti-demokratische Einstellungen in der Stadt stets eine starke Rolle spielt. Ein weiteres positives Beispiel ist das Heimatmuseum Demmin in Mecklenburg-Vorpommern. Sein Team hat zusammen mit Freiwilligen über Jahre eine wichtige Rolle in der Aufarbeitung und Neuverhandlung lokaler Geschichte gespielt. Wie wichtig dies (gewesen) ist, zeigen die weiter anhaltenden jährlichen Nazi-Demonstrationen in Demmin zum 8. Mai, die auf ein Umschreiben der Geschichte abzielen. Leider musste das Heimatmuseum aus Mangel an finanzieller und politischer Unterstützung vor einiger Zeit schließen.
 

Zur Person: Benno Plassmann ist Regisseur und Projektleiter beim „Institut für Neue Soziale Plastik“. Er ist für die Amadeu Antonio Stiftung tätig und war Geschäftsführender Vorsitzender des Schloss Bröllin in Vorpommern und Leiter der Geschäftsstelle des Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung. Mit dem Verein „Institut für Neue Soziale Plastik“ führt er seit 2015 Projekte durch, die kulturelle und politische Bildung miteinander verschränken, zu Themen wie Menschenhandel, Erinnerungskultur und Antisemitismus. Im Jahr 2013 erhielt er mit dem Bündnis Vorpommern: weltoffen, demokratisch, bunt! für sein Engagement für demokratische Kultur den Johannes-Stelling-Preis der Landtagsfraktion der SPD in Mecklenburg-Vorpommern.