Ideenkongress

Ein neuer gesellschaftlicher Stoffwechsel

Gemeinsam mit der IBA Thüringen entwickeln wir den Themenraum „Perspektive Land“. Im Interview beleuchtet Dr. Marta Doehler-Behzadi die Beziehungen zwischen Stadt und Land, zeigt neue Perspektiven für ländliche Regionen auf und erklärt welche Impulse aus der Raumplanung und der Baukultur für einen solchen Wandel ausgehen können. Drei Fragen an Dr. Marta Doehler-Behzadi, Geschäftsführerin der IBA Thüringen.

Liebe Frau Dr. Doehler-Behzadi, wir haben Sie eingeladen, mit uns den Themenraum „Perspektive Land“ zu bearbeiten. Welche Perspektiven für die ländlichen Räume erkennen Sie in Ihrer langjährigen Arbeit für die IBA in Thüringen?

Marta Doehler-Behzadi: Ich habe generell eine polyzentrische Perspektive. Dazu hat sicher der Freistaat Thüringen mit seiner kleinteiligen Siedlungsstruktur beigetragen, selbst die großen Städte sind hier nicht sehr groß, und es dominieren Klein- und Mittelstädte im ländlichen Raum. Es gibt wie anderswo ein Wachstum in den Agglomerationen und eine Schrumpfung in den peripheren, ländlichen Regionen. Beides ist nicht gut: zu starkes Wachstum wie zu starke Schrumpfung. Deren Folgen schaden dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und dem sozialen Frieden. Es gibt einerseits zu wenige und andererseits zu viele Wohnungen, hier eine überlastete und dort eine nutzlos gewordenen Infrastruktur. Ich bin keine Vertreterin der Licht-aus-Szenarien. Es leben Menschen in den schrumpfenden Regionen und wir haben als Gesellschaft die Aufgabe, zu überlegen, wie wir mit der Entwicklung der Landflucht umgehen. Angesichts der Herausforderung des Klimawandels brauchen wir eine neue Idee vom „gesellschaftlichen Stoffwechsel“. Hier die Stadt, die vermeintlich immer wachsen muss, die sich verdichtet, und dort der ländliche Raum, den wir einfach nicht mehr managen können. Dieses Fortschrittsparadigma ist veraltet, wir müssen es dringend ändern.

Wie bewerten Sie den oft beschriebenen Gegensatz zwischen Stadt und Land in Ihrer Arbeit in Thüringen?

Doehler-Behzadi: Der Gegensatz zwischen Stadt und Land ist Jahrhunderte alt. Wir erkennen aber heute, dass sich die beiden Räume angleichen. Die Menschen leben ähnlich in der Stadt und auf dem Land, sie pendeln zwischen beiden Räumen, die digitale Revolution verstärkt diese Verflüssigung. Andererseits ist da der demografische Wandel. Die Menschen erleben in den ländlichen Räumen eine lange Verlusterfahrung. Die Erzählung vor allem in den neuen Bundesländern wie Thüringen lautet: Erst sind die jungen Leute gegangen, dann wurde die Schule geschlossen, dann der Bahnhof stillgelegt, die Läden schließen. Es gibt viele Kommunen ohne Bürgermeister, Pfarrer, Wirt, Frisör. Und das ist keine schöne Lebenserfahrung. Das wird mittlerweile auch deutlich artikuliert. Wir müssen da endlich die politische Verantwortung übernehmen: Fachpolitiker sollten sich um die Digitalisierung kümmern, Verkehrspolitiker sollten nicht nur nach Effizienzkriterien handeln, die Zivilgesellschaft sollte stärker für Aufgeschlossenheit werben. Kurz: Der Staat muss zeigen, dass er vor Ort überhaupt noch präsent ist. Wir müssen näher an die Menschen ran, und das schaffen wir nicht, wenn wir immer nur auf die Kosten schauen.

Vor diesem Hintergrund: Welche Impulse kann die Raumplanung und welche die Baukultur für einen positiven Wandel setzen?

Doehler-Behzadi: Was die Raumplanung betrifft, ist es leider so, dass die regionalen Planungsinstitutionen schwach sind im Vergleich zur kommunalen hoheitlichen Planung. Dieses Ungleichgewicht erschwert die Zusammenarbeit über die Grenzen von Gemeinden hinweg, die wir aber dringend fördern müssen. Was die Baukultur angeht, so werben wir als IBA für eine Kultur des Bauens, die aktuelle gesellschaftliche Fragen aufgreift. Es wäre also zuerst immer eine Baukultur, die aufgrund des Klimawandels und des Ressourcen- und Landschaftsverbrauchs stärker über Umweltfaktoren nachdenkt. Es wäre eine Baukultur der Regionalität in einem weltoffenen, nicht nur in einem konservatorischen Sinne. Und es wäre sicherlich eine Baukultur, die stärker umbaut als neu baut, weil so viel da ist, was jetzt anders genutzt werden muss. Ganz persönlich wünsche ich mir immer eine Baukultur, in der die Trennung aufgehoben ist, die in Deutschland noch recht stark ist, nämlich die zwischen Architekten, Ingenieuren, Landschaftsgestaltern, die oft nacheinander oder nebeneinander, aber selten miteinander arbeiten. Das wäre vielleicht gerade im ländlichen Raum zu schaffen, weil dort die Zusammenhänge zwischen Haus, Weg und Landschaft offenkundiger sind und es leichter ist, an die wesentlichen elementaren Fragen des Bauens ranzukommen.

 

Zur Person: Marta Doehler-Behzadi: Jahrgang 1957, geboren und aufgewachsen in Berlin, Studium der Stadtplanung an der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar, 1980 Diplom, anschließend Forschungsstudium und Promotion. Bis 1990 Tätigkeit beim Büro des Chefarchitekten der Stadt Leipzig, anschließend freiberuflich tätig als Stadtplanerin. Von 2007-2014 Leiterin des Referats für Baukultur und Städtebaulichen Denkmalschutz im Bundesbauministerium. Seit 2014 Geschäftsführerin der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen.