Ideenkongress

Schwarzmarkt

Fotografische Einblicke in die Gespräche des Schwarzmarkts gibt es in der obigen Bildgalerie.
Im Archiv der Mobilen Akademie Berlin stehen 50 Gespräche des Schwarzmarkts zum Nachhören online.
Das Programmplakat mit allen Themen und Experten gibt es als pdf-Download HIER


Wie vom Land sprechen? 168 Erzählungen zu einer Frage
Einblicke in den Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen

Von Cornelius Puschke

Das Land ist überall dort, wo nicht Stadt ist. Und Stadt ist überall dort, wo nicht Land ist. So einfach und gleichzeitig banal könnte man auf die Frage „Wie vom Land sprechen?“ antworten. Nur würde man dabei die komplexen Entwicklungen des Lebens in ländlichen Räumen außer Acht lassen. Über mehrere Monate leitete uns diese Frage durch Sachsen-Anhalt und seine Umgebung und wurde so zu einer ungewöhnlichen, weitgreifenden und überraschenden Recherchebewegung. Unzählige Male verabschiedeten wir uns von eingeübten Begriffen, Bildern und Repräsentationen des Landes. Durch über 60 persönliche Gespräche mit Expertinnen unterschiedlichster Couleur lernten wir neue Blickwinkel kennen und verlernten – im positiven Sinne – viele der Stereotype, die sich hinter Begrifflichkeiten wie „Ländlichkeit“ verbergen.

Am Abend des 19. Septembers versammelten sich für einige Stunden die 60 Experten im Volkspark in Halle an der Saale für den Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen, die ihr Wissen in dreißigminütigen Einzelgesprächen mit dem Publikum teilten. Einigen der Gespräche konnte man per Funk im Saal zuhören und so entstand ein kaleidoskopisch-komplexes Bild, das aus zahlreichen unterschiedlichen Perspektiven bestand. So erzählte der Leipziger Maler Steven Black von der Erfindung der Freiluftmalerei und die Biologin Gabriele Schafberg berichtete von der Kolonialgeschichte des usbekischen Karakulschafs und der in Halle ansässigen größten Haustierskelettsammmlung der Welt. Außerdem erinnerte sich Gabi Haas an die Ausrufung der Freien Republik Wendland im Jahr 1980 während der Techno-Pionier Dimitri Hegemann Einblicke in die tiefe Verwandtschaft des Techno mit der Peripherie gibt. Die Hallenser Rechtsanwältin Gabriele Huber-Schabel warf einen Blick in das Bürgerliche Gesetzbuch und sprach über seine Bienen-Paragraphen. Gleichzeitig schlug der Psychologe und Filmemacher Red Haircrow vor, die durch Karl May bekannten Stereotype über amerikanische Ureinwohnerinnen zu vergessen. Die wechselreiche Geschichte des ehemaligen Tagebaus Goitzsche umriss ihr Chronist, der Museumsleiter Uwe Holz, und nur wenige Tische weiter baute der dreizehnjährige Calvin in Minecraft mit einem Besucher das perfekte Dorf.

Ein bestimmendes Thema der Recherche war die Frage nach der Entwicklung von Infrastrukturen in ländlichen Räumen: So bestand etwa die Möglichkeit, mit dem Verwaltungsjuristen Thomas Reumann über gesundheitliche Versorgung jenseits von Ballungsgebieten zu sprechen oder mit Claudia Dalbert, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft und Energie in Sachsen-Anhalt, über die Zukunft der Viehzucht zu diskutieren. Außerdem fragte Claudia Neu, Professorin für Soziologie ländlicher Räume, danach, wer die Verantwortung für intakte Infrastrukturen trägt.

Auf diese Weise teilten im Rahmen des Schwarzmarkts für nützliches Wissen und Nicht-Wissen 60 Expertinnen in 168 Gesprächen ihr Wissen über Potentiale und Vorurteile, Utopien und Projekte, unbekannte Orte und abgelegene Landschaften. Ihre Erzählungen setzten Vorstellungen des einen ländlichen Raums eine Vielzahl an Fakten und Fiktionen entgegen. Sie gaben Einblicke in die enorme Vielschichtigkeit und Heterogenität ländlicher Räume und erweitern durch ihre Perspektiven den Horizont einer aktuellen Debatte. Der Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen wurde an diesem Abend zu einem lebendigen Archiv und schaffte ein ethnographisches Portrait einer weit reichenden Frage: „Wie vom Land sprechen?“.

 

Jeder SCHWARZMARKT FÜR NÜTZLICHES WISSEN UND NICHT- WISSEN präsentiert ein spezifisches Thema mit Experten aus unterschiedlichsten Disziplinen. Die Installation imitiert Orte der Wissensvermittlung, wie das Archiv und den Lesesaal, und kombiniert diese mit Kommunikationssituationen wie sie vom Markt, der Börse oder vom Beratungsgespräch bekannt sind. Im Schwarzmarkt wird Wissen im Dialog und als Erzählung angeboten und verhandelt. In Halle boten 60 Expertinnen in einer maschinisierten Arena, getaktet im Rhythmus administrierter Zeit, im Rausch der Simultanität und Kollektivität, ihr spezifisches Wissen an. Die Klienten des Schwarzmarkts konnten die Expertinnen für 30-minütige Einzelsitzungen buchen oder sich über das Schwarzmarktradio den Gesprächen zuschalten. 50 der Gespräche wurden aufgezeichnet und können unter www.audio-archive.com abgerufen werden.

 

Eine Produktion im Rahmen des TRAFO-Ideenkongresses
Lizenzgeber: Mobile Akademie Berlin
Lizenznehmer: TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel, eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes
Konzept: TRAFO / Kulturstiftung des Bundes
Kuration: Cornelius Puschke
Produktionsleitung: Sarah Hollender
Projektmitarbeit: Kim Brian Dudek