Programm

Kleine Städte, k(l)eine Zukunft?

Dr. Annett Steinführer

Wie steht es um die kleinen Städte in Deutschland? Wie entwickeln sie sich, welche Probleme und Potenziale lassen sich identifizieren? Der Beitrag kann diese Fragen weder erschöpfend behandeln noch beantworten. Er wirft aber einige Schlaglichter auf die aktuelle Situation eines von der Forschung vernachlässigten Siedlungstyps.

Kleine Städte fallen in der Wissenschaft in eine systematische Aufmerksamkeitslücke: Der Stadtforschung gelten sie als wahlweise zu ländlich oder nur verkleinerte Abbilder der Großstädte, die keine eigenständige Untersuchung erfordern. Und auch die Soziologie und Geografie ländlicher Räume schenkt den kleinen Städten etwa im Vergleich zum Dorf wenig Beachtung (Steinführer 2016). Dieses Wissensdefizit steht in einem starken Kontrast zur siedlungsstrukturellen Bedeutung kleiner Städte. Der Laufenden Raumbeobachtung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zufolge hatten 2013 etwa 94 Prozent aller Siedlungen in Deutschland weniger als 20.000 Einwohner. Diese Zahl gilt seit den 1870er Jahren als obere Grenze der als „Kleinstadt“ bezeichneten Gemeindegrößenklasse. Unter Berücksichtigung einer Untergrenze von 5.000 Einwohnern oder aber einer mindestens grundzentralen Funktion spricht Porsche (2015) von 2.553 Kleinstädten, in denen etwa ein Drittel der Bevölkerung Deutschlands (oder 27 Millionen Menschen) lebt. Viele Kleinstädte sind in den letzten Jahrzehnten durch Eingemeindungen von der offiziellen Landkarte verschwunden, andere „statistische“ Kleinstädte entstanden neu. Auch gibt es unter den über 5.700 Landgemeinden mehr als 300 mit Stadtrecht, die somit ebenfalls als Klein- oder Landstädte zu bezeichnen sind. Die kleinste von ihnen ist Arnis in Schleswig-Holstein mit etwa 280 Einwohnern.

Nun erscheint die absolute Größe (oder „Kleine“) einer Siedlung als relativ irrelevant. Doch hat die Stadtsoziologin Elisabeth Pfeil (1972) zu Recht darauf hingewiesen, dass eine Grenzziehung anhand der Einwohnerzahl zwar „willkürlich [erscheint], unter der Verführung durch die runde Zahl geschehen. Bei näherem Zusehen verliert sie jedoch den Charakter des Unwesentlichen“. Pfeil traf diese Aussage in Bezug auf die ebenfalls im späten 19. Jahrhundert eingeführte Grenze von 100.000 Einwohnern, ab der von einer Großstadt die Rede ist. Mit der Bevölkerung einer Stadt steigt ihre soziale Heterogenität, und es sinkt die Wahrscheinlichkeit, Bekannte „einfach so“ auf der Straße zu treffen – deshalb gilt der Fremde als Prototyp des Großstädters.

Betrachtet man Kleinstädte aus einer solchen Perspektive, erscheinen sie zwangsläufig als defizitär, denn in den meisten Dimensionen (ob Bevölkerung, Wirtschaftskraft oder kulturelle und soziale Vielfalt) sind sie eben „kleiner“. Im Vergleich zum Dorf wiederum gelten Kleinstädte als differenzierter und ihre Lebenswelten als anonymer – hier kennt nicht mehr „jeder jeden“, auch wenn einzuwenden ist, dass dies in größeren Dörfern ebenso wenig der Fall ist.

Jenseits des „Kleiner“ und „Weniger“ (oder eines im Vergleich zum Dorf: „Größer“ und „Mehr“) spielen für das Selbstverständnis von Kleinstädtern andere Merkmale eine Rolle. Dazu zählen vor allem die räumliche Überschaubarkeit und soziale Nähe, die nicht zuletzt als positive Unterscheidungsmerkmale gegenüber der Großstadt und deren vermeintliche Unsicherheit und Anonymität angeführt wird. Die kleinstadttypische Art der Bebauung – in Mitteleuropa oft mit Elementen, die Jahrhunderte überdauert haben, ob Reste einer Stadtmauer oder ein mittelalterlicher Stadtgrundriss – und ortsprägende Gebäude, wie das Rathaus, sind weitere Bezugspunkte kleinstädtischer Identität, wie etwa die Untersuchung der Soziologin Christine Hannemann (2004) herausgearbeitet hat.

Die mediale und literarische Darstellung kleiner Städte ist oft alles andere als positiv. Eine Wahrnehmungsgeschichte der Stigmatisierung lässt sich mindestens bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückverfolgen – vielen Theaterstücken und erbauungsliterarischen Werken galt (und gilt) das Kleinstädtische als Synonym für das Kleinbürgerliche. Im Grimm’schen Wörterbuch ist nachlesbar, dass das Wort „kleinstädtisch“ mit eben dieser pejorativen Bedeutung früher Verwendung fand als der Terminus „Kleinstadt“ selbst. Erneut ist diese Defizitperspektive eine voreingenommene. Der Historiker Clemens Zimmermann hat in mehreren Arbeiten auf die Bedeutung der Kleinstadt für die Verbreitung moderner Medien und damit die Verbürgerlichung, ja Urbanisierung ländlicher Räume in einem qualitativen Sinn hingewiesen. Dem Kino, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in kleinen Städten weite Verbreitung erfuhr, schreibt er dabei eine besondere Rolle zu (z. B. Zimmermann 1999). Noch heute rühmt sich Celle (Niedersachsen), 1913 über vier Lichtspieltheater verfügt zu haben – damals hatte die heutige Mittelstadt etwas über 20.000 Einwohner.

Dieses Beispiel verweist auf eine wichtige Funktion kleiner Städte in ländlichen Räumen: Seit Jahrhunderten sind sie hier Zentren des gesellschaftlichen Lebens, deren Bedeutung über ihr eigentliches Stadtgebiet hinausgeht und sich in das Umland der Dörfer und Einzelgehöfte erstreckt. Neben der wirtschaftlichen Funktion als regionaler Markt und Versorgungszentrum sowie ihrer politischen und administrativen Steuerungsfunktion waren Kleinstädte immer auch kulturelle Zentren – insbesondere dort, wo die nächstgrößere Stadt für alltägliche Interaktionen zu weit entfernt lag. Die wirtschaftlichen und demographischen Entwicklungstrends der vergangenen Jahrzehnte ließen die kulturelle Funktion der kleinen Städte oft in den Hintergrund treten – meist mit dem Verweis auf klamme Haushalte, die kaum Spielraum für die in der Regel als freiwillige Aufgabe definierte Kultur ließen. Zahlreiche Kleinstädte hatten und haben im Alltagsgeschäft mit wirtschaftlichen Problemen, mit Abwanderung und starker Alterung zu kämpfen. Zwischen 2009 und 2014, so zeigen es BBSR-Daten, schrumpften 36% der Kleinstädte in wichtigen ökonomischen und demographischen Dimensionen, im Vergleich zu 12% der Großstädte, aber im Gegensatz zu fast jeder zweiten Landgemeinde (47%; BBSR o.J.). Eine Reaktion auf die Schrumpfung – keine Lösung – ist seit den 1970er Jahren immer wieder erprobt worden: die Vergrößerung der Siedlungsfläche durch die Eingemeindung mehr oder weniger benachbarter Dörfer. Aus der Perspektive der kleinen Städte ist dies ein ambivalenter Prozess: Einerseits stärkt er ihre Zentralitätsfunktion und damit auch ihre kulturellen Potenziale, andererseits bleibt das Problem des überschuldeten kommunalen Haushalts meist ungelöst.

Gleichzeitig aber ist die Vielfalt der Entwicklungsmuster zu betonen: Kleine Städte unterscheiden sich nach ihrer Lage, ihrer Nähe zu Großstädten und höheren Bildungseinrichtungen, ihrem städtebaulichen Erbe und dessen Sanierungsgrad – und auch in der Bedeutung, die sie selbst der Kultur zuschreiben. Das können Stadtfeste für die regionale Bevölkerung oder aber Events, die auf überregionale Gäste setzen, sein. Kultur und Tourismus werden dabei oft in einem Atemzug genannt, doch erfüllt sich die Hoffnung, dass einmalige Ereignisse über den Rest des Jahres tragen oder die kommunalen Investitionen rechtfertigen, nicht immer. So verlockend das Setzen auf „Kultur“ oftmals sein mag, so problematisch sind der lange Atem, die nötigen Finanzmittel und die nachhaltige Beteiligung der Lokalbevölkerung im Einzelnen. Verbindliche Kulturorte, die Verantwortung für das kulturelle Leben einer Kleinstadt und ihrer Umgebung übernehmen, können hier Abhilfe schaffen. Das Jacobson-Haus im südniedersächsischen Seesen – eine „typische“ Kleinstadt mit knapp 20.000 Einwohnern, die sich auf eine Kernstadt und seit der Gemeindegebietsreform der 1970er Jahre auf weitere neun Stadtteile verteilt – ist ein Beispiel für solche Kulturorte, die ebenso wie die Kleinstadt oftmals in ihrer regionalen Bedeutung unterschätzt werden.

 

Literatur und Internetquellen:

BBSR (Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung) (o.J. [2016]): Wachsende/schrumpfende Gemeinden. Online: www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/Raumbeobachtung/Downloads/downloads_node.html (Zugriff: 24.2.2017).

Hannemann, C. (2004): Marginalisierte Städte. Probleme, Differenzierungen und Chancen ostdeutscher Kleinstädte im Schrumpfungsprozess. Berlin.

Kammer-Lichtspiele Celle (2017): Unser Kino. Online unter: www.kammerlichtspiele-celle.com/index.php?show=week&targetkino=staticseite&SITE=2 (Zugriff: 11.4.2017).

Pfeil, E. (1972): Großstadtforschung. Entwicklung und gegenwärtiger Stand. 2., neubearb. Aufl. Hannover.

Porsche, L. (2015): Die Zukunft von Kleinstädten gestalten. Entwicklungsperspektiven für Kleinstädte eröffnen. RaumPlanung 181 (H. 5/2015), S. 26-32.

Steinführer, A. (2016): Living in a Small Town: An Urban and a Rural Experience at Once. In: Carlow, V. M. (Hg.): Ruralism. The Future of Villages and Small Towns in an Urbanizing World. Berlin, S. 40-55.

Zimmermann, C. (1999): Städtische Medien auf dem Land. Zeitung und Kino von 1900 bis zu den 1930er Jahren. In: Zimmermann, C.; Reulecke, J. (Hg.): Die Stadt als Moloch? Das Land als Kraftquell? Wahrnehmungen und Wirkungen der Großstädte um 1900. Stadtforschung aktuell 76. Basel u.a., S. 141-164.

 

Dr. Annett Steinführer ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin des "Johann Heinrich von Thünen-Instituts, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei" in Braunschweig und befasst sich seit Längerem mit der Situation von kleineren Städten.