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Kultureinrichtungen als Stichwortgeber ländlicher Räume

Viele ländliche Regionen Deutschlands leiden unter Abwanderung und Überalterung. Wegen wirtschaftlicher Strukturveränderungen und sinkender Einwohnerzahlen fehlen den Kommunen von Klein- und Mittelstädten zunehmend Einnahmen. Die Probleme der ländlichen Räume spitzen sich zu; allerdings stehen nicht nur der öffentliche Nahverkehr oder die medizinische Versorgung vor Veränderungsprozessen. Als freiwillige Aufgabe der Gemeinden stehen vor allem Kultureinrichtungen wie Theater, Büchereien, Kulturzentren oder Regionalmuseen zur Disposition. Was also tun? Eine spannende Alternative zur Schließung ländlicher Kulturangebote ist, sie weiterzuentwickeln. Denn sie werden gebraucht und haben Potenziale, die bislang wenig erkannt und genutzt werden.

Ländliche Regionen im Wandel

Die Veränderungen der Gesellschaft in ländlich geprägten Gegenden Deutschlands werden meist unter dem Begriff „Demografischer Wandel“ zusammengefasst. Gemeint ist ein komplexer Prozess, in dem Landflucht als weltweites Phänomen und sinkende Geburtenraten zur Prognose einer ausdünnenden und überalternden Bevölkerung führen. Im Osten wie im Westen nehmen darüber hinaus viele ländliche Gemeinden in großem Umfang Geflüchtete auf. Manche werden dauerhaft in kleinen Städten und Dörfern wie in Südniedersachsen, der Schwäbischen Alb oder dem Saarland leben. Das Vermögen der ländlichen Bevölkerung, einerseits mit Verlusten umzugehen und andererseits zu integrieren, dürfte heute so herausfordernd  sein wie lange nicht mehr. Kulturangebote könnten hier eine wichtige Rolle spielen.

Kulturinstitutionen bedürfen der Inventur

Wenn Nachrichten von der Schließung von Theatern kleiner Städte durch die Medien gehen, vom Verlust regionaler Museen oder Stadtbibliotheken, löst das in der Öffentlichkeit Bestürzung aus. Politische Debatten über ihren Erhalt werden aber oftmals eher defensiv geführt. Weitsichtiger wäre es, nicht immer allein den Erhalt um des Erhalts willen zu diskutieren, sondern zu fragen, welche Rolle Kultureinrichtungen heute spielen – und welche Relevanz sie noch entfalten könnten. Denn Kultureinrichtungen in Klein- und Mittelstädten ländlicher Räume stehen nicht nur aufgrund von Finanznöten in Frage, sondern auch, weil ihre Angebote oft nicht mehr zeitgemäß sind, ihre Wahrnehmung stagniert und damit ihre Besucherzahlen sinken.

Institutionen wie die Theater und Orchester sind Erben einer bürgerlichen Gesellschaft, die sich gründlich gewandelt hat. Andere sind Vermächtnisse der Volksbildungsbewegung – wie die Volkshochschulen und Stadtbüchereien. Im Osten Deutschlands sind Stadt- und Heimatmuseen wiederum oft Gründungen der Nachwendezeit. Während Kulturinstitutionen der neuen Bundesländer zum Teil bereits nach dem Zusammenbruch der DDR-Strukturen Anpassungsleistungen vollzogen haben, stehen diese im Westen noch aus.

In Ost wie West erfordert der Wandel der Zeit dringend eine Inventur von Selbstverständnis, Inhalten und Ansprache. Allerdings sind kleine und kleinste Einrichtungen personell wie finanziell oft so schlecht ausgestattet, dass Auseinandersetzungen dieser Art oftmals schlicht überfordern. Dabei könnte eine Inventur kaum irgendwo gewinnbringender sein als in peripheren ländlichen Räumen, wo sich Wirtschaft, Gesellschaft und öffentliches Leben in einem tiefen Umbruch befinden und in den kommenden Jahrzehnten Weichen gestellt werden, die entscheiden, ob hier wieder eine vitale Kultur- und Zivilgesellschaft entstehen wird oder ob sie in eine immer schwerer umzukehrende Abwärtsspirale geraten. Gelingt es, Kultureinrichtungen auf kluge Weise zu stärken, können sie zu tragenden und von vielen getragenen Stützen einer heutigen Gesellschaft in ländlichen Regionen werden.

Neue Anforderungen an die Kultur

In ländlichen Gegenden wandeln sich die Anforderungen an Kultur und Kulturvermittlung. Wenn es glückt, Kultureinrichtungen für heutige Aufgaben „fit“ zu machen, dann können sie neue und wichtige Funktionen erfüllen. Die Angebote den neuen Bedürfnissen anzupassen ist allerdings eine große Herausforderung. Denn Gesellschaft in Transformation heißt: ein Mehr an Differenz. Es gibt mehr Alte, denen Heimat und Vertrautes in einer sich rasch wandelnden Welt umso wichtiger wird. Zugleich sind neue heterogene Milieus im Entstehen, die eingebunden werden wollen.

Neuzugezogene ebenso wie Kinder und Jugendliche wissen oft wenig über die Landschaften, in denen sie leben. Das Wissen über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Hintergründe der Regionen ist oft verloren gegangen. Dies erschwert, Wurzeln zu schlagen und Zukunft zu gestalten. Für Kultureinrichtungen gilt es daher Formate zu entwickeln, die integrieren, Identität stiften, Gemeinschaft bilden und Alteingesessenen und Zugezogenen Kultur und Alltag der Region vermitteln. Gelingt all das, werden die Einrichtungen zu spannenden, offenen Orten, die Altes bewahren und auf neue Art zugänglich machen. Sie gewinnen Relevanz und werden zu Zentren, in denen Wissen und Erfahrung vermittelt wird. So würden sie auch kulturpolitisch eine neue Wahrnehmung erfahren.

Bürger als Mitgestalter zeitgemäßer Kultureinrichtungen

Eine Grundidee des TRAFO-Programms ist, die beteiligten Kulturinstitutionen mithilfe partizipativer und kooperativer Modellprojekte zu öffnen und die Bürger vor Ort einzuladen, auf direktem Wege ihre Kulturangebote mitzugestalten. Alte Techniken werden so auf heutigen Nutzen geprüft und ein Kommunikationsprozess setzt sich in Gang. Während die Einrichtungen im Rahmen von TRAFO einerseits aus ihren Traditionen heraus gestärkt werden sollen, stellt sich aber auch die Frage nach nötigen Veränderungen: Welchen Ballast gilt es über Bord zu werfen? Was kann man getrost entrümpeln?

Neue Kooperationen und Netzwerke

Gerade in dünnbesiedelten Gebieten ist es geboten, Kulturangebote für Regionen als Ganzes zu denken. Die Menschen leben weit verstreut. Einzelne gut geplante Angebote können Bedeutung für eine ganze Region entfalten. Dafür braucht es neue – auch ungewöhnliche – Kooperationen. Indem die Einrichtungen neue Partner finden, eröffnen sich Chancen, Kulturangebote gemeinsam zu konzipieren. Im Rahmen solcher Transformationsprozesse sollen darüber hinaus sowohl Verwaltungsgrenzen als auch Grenzen zwischen Institutionen überwunden werden.

Um die Neuerungen vor Ort nachhaltig zu verankern und ihnen Rückenwind zu geben, war ein wesentlicher Leitgedanke von TRAFO, schon in der Entwicklungsphase starke Allianzen mit Politik und Verwaltung zu bilden. Bürgermeister wie Verwaltungsangestellte, Landräte wie Minister sind eingeladen, die Prozesse teilnehmend zu begleiten, ihre Impulse aufzunehmen und sie tatkräftig zu unterstützen. Indem Kultureinrichtungen zu Laboren der Auseinandersetzung mit dem Wandel ländlicher Gesellschaften werden, werden ihre Programme, Stücke, Ausstellungen und Forschungsergebnisse zugleich zu Stichwortgebern für diejenigen, die diesen Wandel im täglichen Geschäft gestalten müssen.

Die Frage nach Brüchen

Transformation ist immer auch mit Abschied verbunden, mit Loslassen und dem Zulassen von Veränderung. Das Aufgeben vermeintlicher Gewissheiten lässt sich jedoch meist produktiv machen. Die Kultur selbst kann zur Technik werden, Fragen zu stellen. Kultureinrichtungen können dabei Laboratorien sein, die den Wandel der heutigen ländlichen Gesellschaft zum Thema machen.